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Ethikerin zu Corona-Maßnahmen : „Dann stünde der nächste Shutdown vor der Tür“

Abstand halten: Leere Einkaufsstraße in Köln Bild: dpa

Die Medizinethikerin Christiane Woopen fordert nachvollziehbare Begründungen für die Corona-Maßnahmen. Sonst hätten Populisten leichtes Spiel.

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          Frau Professor Woopen, wie haben Sie als Vorsitzende des Europäischen Ethikrats die Forderung der Nationalakademie Leopoldina aufgenommen, die Entscheidungsgrundlagen für jede Lockerungsmaßnahme mit Daten und Modellen zu unterlegen? Derzeit scheinen doch die Politiker noch fixiert darauf, die Ausbreitung der Pandemie einzugrenzen, und wirken seltsam planlos, wenn es um Strategien für die Öffnung geht.

          Heike Schmoll

          Politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.

          Planlosigkeit sehe ich nicht, wohl aber Vorsicht und verständliche Abwägung und Zurückhaltung. Ich verstehe, dass diese Haltung beängstigend, frustrierend für die Bürger ist, aber es würde niemandem helfen, jetzt in hektische Betriebsamkeit zu verfallen und vorzugeben, alle Antworten zu kennen. Das tun wir eben alle noch nicht, daher brauchen wir den besonnenen Kurs, der sein Augenmerk auf die Eindämmung der Pandemie richtet. Selbstredend aber müssen jetzt die Grundlagen geschaffen werden, um für die Öffentlichkeit transparent und nachvollziehbar die Maßnahmen für eine schrittweise Öffnung des Shutdown unter bestimmten Bedingungen gut begründen zu können. Das haben wir im ifo-Papier schon Anfang April gefordert.

          An welche Datenerhebungen und Grundlagen außer den virologischen denken Sie?

          Die Politik steht bei den Schritten zur Öffnung vor schwerwiegenden Abwägungen, für die medizinische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Daten erforderlich sind. Medizinisch brauchen wir etwa Daten über die durchgeführten Tests und ihre Ergebnisse, über Infektionsketten und über den Immunstatus in der Bevölkerung. Wir brauchen aber auch Daten über die Schwerkranken, die nicht Covid-19 haben und die eine erforderliche Behandlung im Moment nicht oder zu spät bekommen. Wir müssen wissen, wie die Kapazitäten in den Krankenhäusern verteilt und genutzt werden und welche Behandlungen aufgeschoben werden. Es sind überdies wirtschaftliche und gesellschaftliche Daten erforderlich. Wie viele Menschen können ihrer Arbeit nicht mehr nachgehen? Wie ist die Situation bei Einzelhändlern und bei Unternehmen, deren Lieferketten unterbrochen sind? Wir brauchen auch Daten etwa über Kulturschaffende und Solo-Selbständige und müssen analysieren, was mit den Kindern passiert, von denen manche durch die Schließung von Kitas und Schulen nicht mehr erreichbar sind und keine externen Ansprechpartner mehr haben. Es gibt Kindesmissbrauch, häusliche Gewalt, psychische Erkrankungen. All diese Daten und Erfahrungen müssen zusammengeführt werden.

          Die Medizinethikerin Christiane Woopen ist Vorsitzende des Europäischen Ethikrates.

          Das alles dauert aber doch ziemlich lange, brauchen wir die Daten nicht jetzt?

          Es kann sofort mit einer systematischen Datenerhebung und Zusammenführung begonnen werden, um Unsicherheiten abzubauen und Entscheidungsgrundlagen aufzubauen. Der Prozess der schrittweisen Öffnung wird sich voraussichtlich über Monate hinziehen. Es braucht daher definierte Strukturen und Prozesse, um zu beobachten, was geschieht, und es ist wichtig, fortwährend Einschätzungen unter Beteiligung vieler Disziplinen und Akteure vorzunehmen, weil es eben nicht nur um medizinische Fragen geht. Es ist richtig, Menschenleben in den Krankenhäusern zu retten, aber dabei darf das Leben der Menschen draußen nicht zerstört werden. Wir müssen nah an den Menschen sein.

          Gegenwärtig ist die Akzeptanz für die harten Einschränkungen hoch, doch scheint sie allmählich zu schwinden.

          Sie wird schwinden, wenn die Menschen nicht mehr verstehen, was geschieht. Anfangs sorgten die Bilder aus Italien dafür, dass jeder die Einschränkungen nachvollziehen konnte, weil sie für alle galten. Die Einschränkungen werden sich in Zukunft aber nach Regionen, Personengruppen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Bereichen ausdifferenzieren, und damit werden die Begründungen komplexer. Wichtig sind auch die zu treffenden Vorbereitungen. Wenn man eine Schule, den öffentlichen Nahverkehr, ein Theater oder den Einzelhandel aufmacht, an was alles muss man da denken? Es gilt, jedes Detail zu bedenken, und das erfordert in jedem Fall sorgfältige Vorbereitung.

          Wer außer den Schulbehörden und Ministerien soll denn die Vorbereitung übernehmen?

          Geeignet wären etwa Taskforces auf Länderebene, die eng mit Behörden und Verbänden bis auf die kommunale Ebene zusammenarbeiten und von einer nationalen Taskforce koordiniert werden. Mögliche Lockerungen können in Köln anders aussehen als in Schwerin. Möglicherweise sind Öffnungen auf dem Land in einigen Bereichen viel eher möglich als in einer Großstadt.

          Sie richten damit noch einmal den Blick auf die Empfehlung der Leopoldina, jeden einzelnen Standort differenziert zu bewerten und entsprechende Handlungsstrategien abzuleiten?

          Man braucht meines Erachtens vier Kriterien. Erstens: das Risiko der Ansteckung – hier sind epidemiologische Modellrechnungen zentral. Zweitens ist einzuschätzen, wie hoch die Gefahr einer schweren Erkrankung ist, hier wird nach Personengruppen zu unterscheiden sein. Es geht darum, besonders gefährdete Menschen zu schützen, ohne sie zu isolieren oder ihrer Selbstbestimmung zu berauben. Drittens müssen die relevantesten gesellschaftlichen Bereiche identifiziert und natürlich die wirtschaftlichen Risiken sorgsam abgewogen werden, und viertens muss überlegt werden, ob und wie Schutzmaßnahmen verwirklicht werden können. Wenn man diese Fragen jeweils konkret beantwortet, kommt man auf der Grundlage entsprechender Daten zu einer gut begründbaren risikoadaptierten Strategie für eine vorsichtige, schrittweise Öffnung.

          Wo sehen Sie die Gefahr, wenn die Lockerungsmaßnahmen nicht wirklich transparent gemacht und plausibel begründet werden?

          Ich sehe die Gefahr, dass die Menschen die sich ausdifferenzierenden Beschränkungen nicht verstehen und ihrer irgendwann überdrüssig werden oder sich benachteiligt sehen. Dann kann die Akzeptanz schwinden, und durch leichtsinniges Verhalten kann die Ansteckung wieder befördert werden. Dann stünde der nächste Shutdown vor der Tür.

          Und wo liegen die politischen Gefahren?

          Wenn es nicht gelingt, das Vertrauen der Bevölkerung in die politischen Entscheidungen auch während des monatelangen Prozesses der Lockerungen aufrechtzuerhalten und der persönliche Preis etwa durch den Verlust der Arbeit oder psychische Belastungen zu hoch wird, könnten irgendwann haltlose Parolen von Populisten greifen, von denen wir derzeit glücklicherweise nichts hören. Wünschenswert ist doch aber, dass wir als Gesellschaft einig und so gut wie möglich aus dieser Krise hervorgehen.

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