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Ethikerin zu Corona-Maßnahmen : „Dann stünde der nächste Shutdown vor der Tür“

Gegenwärtig ist die Akzeptanz für die harten Einschränkungen hoch, doch scheint sie allmählich zu schwinden.

Sie wird schwinden, wenn die Menschen nicht mehr verstehen, was geschieht. Anfangs sorgten die Bilder aus Italien dafür, dass jeder die Einschränkungen nachvollziehen konnte, weil sie für alle galten. Die Einschränkungen werden sich in Zukunft aber nach Regionen, Personengruppen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Bereichen ausdifferenzieren, und damit werden die Begründungen komplexer. Wichtig sind auch die zu treffenden Vorbereitungen. Wenn man eine Schule, den öffentlichen Nahverkehr, ein Theater oder den Einzelhandel aufmacht, an was alles muss man da denken? Es gilt, jedes Detail zu bedenken, und das erfordert in jedem Fall sorgfältige Vorbereitung.

Wer außer den Schulbehörden und Ministerien soll denn die Vorbereitung übernehmen?

Geeignet wären etwa Taskforces auf Länderebene, die eng mit Behörden und Verbänden bis auf die kommunale Ebene zusammenarbeiten und von einer nationalen Taskforce koordiniert werden. Mögliche Lockerungen können in Köln anders aussehen als in Schwerin. Möglicherweise sind Öffnungen auf dem Land in einigen Bereichen viel eher möglich als in einer Großstadt.

Sie richten damit noch einmal den Blick auf die Empfehlung der Leopoldina, jeden einzelnen Standort differenziert zu bewerten und entsprechende Handlungsstrategien abzuleiten?

Man braucht meines Erachtens vier Kriterien. Erstens: das Risiko der Ansteckung – hier sind epidemiologische Modellrechnungen zentral. Zweitens ist einzuschätzen, wie hoch die Gefahr einer schweren Erkrankung ist, hier wird nach Personengruppen zu unterscheiden sein. Es geht darum, besonders gefährdete Menschen zu schützen, ohne sie zu isolieren oder ihrer Selbstbestimmung zu berauben. Drittens müssen die relevantesten gesellschaftlichen Bereiche identifiziert und natürlich die wirtschaftlichen Risiken sorgsam abgewogen werden, und viertens muss überlegt werden, ob und wie Schutzmaßnahmen verwirklicht werden können. Wenn man diese Fragen jeweils konkret beantwortet, kommt man auf der Grundlage entsprechender Daten zu einer gut begründbaren risikoadaptierten Strategie für eine vorsichtige, schrittweise Öffnung.

Wo sehen Sie die Gefahr, wenn die Lockerungsmaßnahmen nicht wirklich transparent gemacht und plausibel begründet werden?

Ich sehe die Gefahr, dass die Menschen die sich ausdifferenzierenden Beschränkungen nicht verstehen und ihrer irgendwann überdrüssig werden oder sich benachteiligt sehen. Dann kann die Akzeptanz schwinden, und durch leichtsinniges Verhalten kann die Ansteckung wieder befördert werden. Dann stünde der nächste Shutdown vor der Tür.

Und wo liegen die politischen Gefahren?

Wenn es nicht gelingt, das Vertrauen der Bevölkerung in die politischen Entscheidungen auch während des monatelangen Prozesses der Lockerungen aufrechtzuerhalten und der persönliche Preis etwa durch den Verlust der Arbeit oder psychische Belastungen zu hoch wird, könnten irgendwann haltlose Parolen von Populisten greifen, von denen wir derzeit glücklicherweise nichts hören. Wünschenswert ist doch aber, dass wir als Gesellschaft einig und so gut wie möglich aus dieser Krise hervorgehen.

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