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Mecklenburg-Vorpommern : Ärger mit den Resten aus dem Westen

Das Zwischenlager Lubmin Nord in der Lubminer Heide bei Greifswald Bild: dpa

In wenigen Tagen soll Atommüll aus dem südfranzösischen Cadarache nach Lubmin bei Greifswald gebracht werden. Der Protest gegen den Transport ist groß. Auch Ministerpräsident Sellering fürchtet, dass sich das Zwischenlager zur „atomaren Müllhalde“ entwickelt.

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          Am 16. Dezember sollen vier Castor-Behälter aus einer Aufbereitungsanlage aus dem südfranzösischen Cadarache in Lubmin bei Greifswald ankommen und in das dortige Zwischenlager Nord gebracht werden. Der Protest gegen den Transport ist groß. Am Samstag kamen bei Nieselregen zweitausend Menschen zu einer Demonstration in Greifswald zusammen. Die Veranstalter hatten mit der doppelten Zahl gerechnet. Auch Erwin Sellering, der SPD-Ministerpräsident des Landes Mecklenburg-Vorpommern, war dabei: „Ich möchte, dass der Atommüll woanders hinkommt. Ich sehe die große Gefahr, dass Lubmin immer mehr zur atomaren Müllhalde verkommt.“

          Frank Pergande

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Im nächsten Jahr sind Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern. Sellering hat seinen Wahlkreis in Greifswald. Mit Protesten wird auch am 16. Dezember selbst gerechnet. Die Polizei hat sich nach den Erfahrungen von Gorleben seit Wochen darauf vorbereitet. Das Zwischenlager gehört zu den Energiewerken Nord, die 1995 gegründet wurden mit dem Auftrag, die beiden DDR-Kernkraftwerke in Lubmin am Greifswalder Bodden und bei Rheinsberg am Stechlinsee in Brandenburg abzureißen. Stillgelegt waren sie zu diesem Zeitpunkt bereits. Der Bund stellte für dieses Vorhaben 3,2 Milliarden Euro zur Verfügung. Lubmin war ein großes Kernkraftwerk russischer Bauart und bei seiner Stilllegung zum Teil noch Baustelle. Vier Reaktoren waren in Betrieb, der fünfte im Probebetrieb. Etwa zehn Prozent der Energieversorgung der DDR lieferte das Kernkraftwerk. Rheinsberg hingegen war das erste Kernkraftwerk in der DDR, das eigentlich Forschungszwecken diente und nur einen Reaktor hatte.

          Standort Lubmin bedeutend für die Wirtschaft

          Während das Gelände bei Rheinsberg der Natur zurückgegeben werden soll, gehört es zu den Aufgaben der Energiewerke Nord, den Lubminer Kraftwerkstandort als Gewerbegebiet zu entwickeln. Hier soll etwa die neue russische Gasleitung aus Wiborg ankommen. Hier wollte das dänische Energieunternehmen Dong ein 800-Megwatt-Steinkohlekraftwerk errichten. Der Standort am Bodden schien ideal. Der Protest auch dagegen war groß und Sellering auch damals schon mit dabei. Der Investor Dong zog sich schließlich zurück. Es wäre die größte private Investition in Mecklenburg-Vorpommern gewesen, ein Milliardenvorhaben. Auch ein ursprünglich geplantes Gaskraftwerk wird nun doch nicht gebaut.

          Atomkraftgegner üben die Gleisblockade gegen den bevorstehenden Castor-Transport

          Dennoch gilt der Standort Lubmin als bedeutend für die Wirtschaft in Mecklenburg-Vorpommern. Das Zwischenlager war für 240 Millionen Euro erbaut worden, um die radioaktiven Reste aus den beiden Kraftwerken zu lagern - bis ein Endlager gefunden ist. Nur einen Castor-Transport über eine längere Strecke hat es in diesem Zusammenhang bislang nach Lubmin gegeben - mit den strahlenden Resten aus Rheinsberg. Das war 2001 gewesen. Die Demonstrationen hielten sich in Grenzen. So konnte damals sogar ein Filmteam für einen „Polizeiruf“ am Bahnhof Rheinsberg am Castor-Zug drehen. Der dramatische Film später im Fernsehen hatte allerdings mit dem tatsächlichen Geschehen nichts zu tun.

          Zweiter Transport im Frühjahr

          Die vier Castor-Behälter, die jetzt nach Lubmin sollen, sind ein zusätzliches Geschäft für die Energiewerke. Bereits Anfang der neunziger Jahre hatte es Verhandlungen wegen des Kernkraftmülls aus früheren Forschungsanlagen der Bundesrepublik gegeben. Genauer geht es um Brennstäbe aus der „Kompakten Natriumgekühlten Kernreaktoranlage“ und aus anderen Nuklearexperimenten im früheren Kernforschungszentrum Karlsruhe sowie Brennstäbe des Schiffes „Otto Hahn“, des einzigen deutschen Schiffes mit Kernenergieantrieb, im Volksmund auch „Atomschiff“ genannt. Ein eigenes Zwischenlager in Karlsruhe zu bauen war zwar erwogen worden, wäre aber viel zu teuer geworden. Anfragen bei anderen Zwischenlagern an den bestehenden Kernkraftwerken wurden abschlägig beschieden. So begannen in der Zeit der rot-grünen Bundesregierung - Umweltminister war Jürgen Trittin (Grüne) - die Verhandlungen über einen Transport der 2413 alten, aus Karlsruhe stammenden Brennstäbe nach Lubmin.

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