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Matthias Platzeck tritt zurück : Der Zarte

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Elf Jahre Ministerpräsident: Matthias Platzeck sah sich stets als Mann der Exekutive. Bild: dpa

Matthias Platzeck hat sich als Oberbürgermeister von Potsdam und später als Ministerpräsident großes Ansehen in Brandenburg erarbeitet. Seine zurückhaltende Art kam an. Nur in seiner Zeit als SPD-Vorsitzender bekam er damit Probleme. Nun zwingt ihn ein Schlaganfall zum Rückzug.

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          Ein zweites Mal hat sich Matthias Platzeck den Zwängen der Gesundheit gebeugt. Ein zweites Mal hat er sich in der Entscheidung nicht frei gesehen. Am 10. April 2006 war es gewesen, als Platzeck dem Rat der Ärzte zu folgen hatte, die Doppelaufgabe - Ministerpräsident in Brandenburg und Vorsitzender der Bundes-SPD - nicht weiter auszuüben. Er trat als Parteivorsitzender zurück. Am vergangenen Wochenende bereitete er abermals eine Rücktrittsentscheidung vor - ein weiteres Mal eben nicht aus gänzlich freien Stücken. Der Vorlauf hatte sich über Wochen hingezogen: Ein leichter Schlaganfall vor seinen Sommerferien; eine Zeit der Regeneration; Gespräche mit politischen Freunden, mit Ärzten und gewiss auch mit der Familie.

          Platzeck war und ist ein Mann, der gerne von sich sagt, er wolle seine Aufgaben ganz - also mit vollem Einsatz - oder gar nicht ausüben. So gesehen gab es für ihn an diesem Montag offenkundig nur eine Konsequenz. Platzeck, der bei der Präsentation seiner Entscheidung einen erleichterten Eindruck zu hinterlassen versuchte, wird in den kommenden Wochen alle seine Aufgaben, jedenfalls die wesentlichen, niederlegen. Er wird von Ende August an nicht mehr Ministerpräsident des Landes Brandenburg sein. Er wird auch nicht mehr Vorsitzender der Landes-SPD sein. Er wird auch aus dem Aufsichtsrat der Flughafen Berlin Brandenburg GmbH ausscheiden. Nur dem Landtag in Potsdam wird er dann noch angehören - ein weiteres Jahr. Doch der wird im Herbst 2014 neu gewählt. Ob Platzeck dann noch einmal - als einfacher Kandidat - antritt, wird sich erweisen. Wahrscheinlich ist es nicht. Platzeck sieht sich selbst als einen Mann der Exekutive an.

          Es ist nicht einmal sicher, welche Entscheidung Platzeck schwerer gefallen ist: die von 2006, als er nach knapp einem halben Jahr auf den Vorsitz des Bundes-SPD zu verzichten hatte, oder die von diesem Wochenende, als er sich - letzten Endes, nach sechs Wochen langen Erwägungen - zur Niederlegung seiner landespolitischen Aufgaben zu entscheiden hatte. Platzeck war (und ist) Landespolitiker mit Haut und Haar. Schon die Pflicht, nach der Bundestagswahl 2005 in der Nachfolge Franz Münteferings Vorsitzender der SPD zu werden, hatte ihn gedrückt. Einer der Gründe, die ihn damals in das Amt an der Spitze des Willy-Brandt-Hauses gespült hatte, war die Nähe „Potsdams“ - also des „ersten“ Arbeitsplatzes von Platzeck - zu „Berlin“ gewesen. Das schien zwar, regional gesehen, eine lösbare Aufgabe zu sein. Doch in Wirklichkeit hatte sich Platzeck von nun an gleichzeitig auf zwei Aufgaben zu konzentrieren, die nicht in allen Facetten kompatibel waren. Als SPD-Vorsitzender hatte er Rücksichten zu nehmen, die der Pflichterfüllung in Brandenburg zuwider liefen.

          Die Oder machte ihn berühmt: Platzeck 1997 auf einem Deich bei Hohenwutzen

          Die Bundes-SPD forderte damals, wie es gerne ausgedrückt wird, den „ganzen Mann“. Nach der vorgezogenen Bundestagswahl von 2005 hatte die Partei auf das Amt des Bundeskanzlers zu verzichten. Gerhard Schröder, der Bundeskanzler, und Franz Müntefering, seit 2004 der Parteivorsitzende, hatten der SPD einen Führungsstil aufgenötigt, der mit Begriffen wie „autoritär“ und „harte Hand“ zu beschreiben war. Die innerparteilichen Debatten über die „Agenda 2010“ und „Hartz IV“ hatten die SPD in immer neue Zerreißproben gebracht; und immer wieder hatte die SPD Schröder und Müntefering zu folgen. Nun aber war sie dessen überdrüssig geworden. Sie wollte einen kommunikativen Führungsstil. Die Funktionäre und die Vorstandsmitglieder wollten nicht immer bloß vor vollendete Tatsachen gestellt werden. Platzeck schien dafür der richtige Mann zu sein. Er hat freundliche Umgangsformen. Er verwendet, zur Kennzeichnung aus seiner Sicht guter Politiker, gerne die Voraussetzung vom „Zuhören-Können“. In der SPD war er darüber beliebt geworden. Obwohl er während jener Jahre keinen Zweifel daran ließ, Schröders und Münteferings Politik zu unterstützen, wurde er gar als Hoffnungsträger angesehen.

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