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Masern : Erwachsene sollen sich impfen lassen

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Täglich gibt es bis zu 30 neue Masern-Fälle in Berlin. Die Weltgesundheitsorganisation wollte dir Krankheit eigentlich bis 2015 ausrotten. Bild: dpa/dpaweb

Eltern gefährden ihre Kinder. Bis Mitte vierzig gibt es kaum Schutz. Nicht die Impfgegner sind das größte Problem, sondern ungeimpfte Erwachsene.

          Angesichts der grassierenden Masern-Infektionen ruft das Robert-Koch-Institut dazu auf, dass sich Jugendliche und Erwachsene bis Mitte vierzig impfen lassen. Denn die besonders gefährdeten Säuglinge und Kleinkinder sind nur dann geschützt, wenn kein Mensch in ihrer Umgebung die Krankheit übertragen kann. Mediziner nennen das „Herdenschutz“. In Berlin sind seit dem Ausbruch der Masern im Oktober 652 Menschen erkrankt. Ein nicht geimpftes Kleinkind starb. Für die aktuelle Verbreitung der Masern sind nicht die vier bis fünf Prozent Impfgegner in der Bevölkerung das größte Problem, sondern ungeimpfte Erwachsene.

          Der Grund: Erst Anfang der siebziger Jahre wurde die Impfung gegen Masern, Mumps und Röteln Standard. Doch nahm daran anfangs nur eine Minderheit teil – mit dem Ergebnis, dass unter den heute Vierzigjährigen nur ein Viertel Impfschutz genießt, bei den Dreißigjährigen weniger als die Hälfte. In den jüngeren Jahrgängen wird der Impfschutz immer besser. Heute wird die erste Masern-Impfung für Kinder im Alter von elf bis 14 Monaten empfohlen, die zweite für Kinder im Alter von 15 bis 23 Monaten. Erst danach sind mit Sicherheit genug Antikörper entstanden. Die zweite Masernimpfung wurde erst seit der Jahrtausendwende kinderärztliche Routine.

          Bei den Erwachsenen, die vor 1970 geboren sind, geht man davon aus, dass sie immun sind. Denn bis zur Einführung der Standard-Impfung bekam fast jedes Kind die Masern. „Wer nach 1970 geboren ist und nur einmal geimpft wurde, seinen Impfpass nicht mehr findet oder nicht weiß, ob er die Masern hatte, sollte sich impfen lassen“, empfiehlt das Robert-Koch-Institut. „Eine überzählige Impfung schadet nicht.“

          Gefälschte Studie: Autismus durch Masernimpfung

          Nicht impfen lassen sollten sich Schwangere oder Patienten, deren Immunsystem geschwächt ist – etwa durch eine Erkältung oder eine Chemotherapie. Zu harmlosen Reaktionen auf die Impfung kann es auch bei Gesunden kommen. Typische Beschwerden sind die Rötung oder Schwellung der Einstichstelle. Auch Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen sind möglich. Diese Symptome klingen nach wenigen Tagen ab.

          Unter Impfgegnern hält sich hartnäckig das Gerücht, dass eine Masernimpfung Autismus verursachen könne. Es geht zurück auf einen Aufsatz, den der britischen Arzt Andrew Wakefield 1998 in der Fachzeitschrift „The Lancet“ veröffentlichte. In der Folge fielen die Impfraten in Großbritannien. 2004 wurde bekannt, dass Anwälte von Eltern autistischer Kinder dem Arzt 55000 Pfund gezahlt hatten. Denn sie brauchten Argumente, um die Hersteller des Impfstoffes zu verklagen. Im Jahr 2010 entschied die britische Ärztekammer, dass Wakefield „unethische Forschungsmethoden“ angewandt hatte. Er erhielt ein Berufsverbot; die Zeitschrift zog die Veröffentlichung zurück.

          Eine seriöse Untersuchung der Impfrisiken stammt vom Paul-Ehrlich-Institut, das Medikamente und Impfstoffe prüft. Weniger als ein Prozent der Kinder bekamen nach der Impfung Husten. Weniger als zwei Prozent mussten sich erbrechen. Weniger als drei Prozent bekamen Ausschlag. Bei diesen Beschwerden konnte nicht klar bewiesen werden, dass die Impfung tatsächlich der Grund war. Zehn Prozent der Kinder fieberten. Angesichts der „schweren und häufigen Komplikationen, die mit einer Maserninfektion einhergehen, ergibt sich eine uneingeschränkt positive Nutzen-Risiko–Bewertung des Masernimpfstoffs“, schreiben die Forscher. Sie fanden keine einzige Komplikation mit Todesfolge, die sich einer Masernimpfung eindeutig zuordnen ließe, und keinen Zusammenhang mit anderen schweren Erkrankungen, die von Impfgegnern der Masern-Impfung angelastet werden.

          WHO wollte Masern bis 2015 ausrotten

          Die Risiken einer „echten“ Masern-Infektion sind hingegen hoch: Einer von 1000 Erkrankten stirbt. Gefährliche Folgen von Masern sind Lungenentzündungen, Mittelohrentzündungen und Gehirnentzündungen. Besonders gefürchtet ist die chronische Maserngehirnentzündung. Sie tritt mit zum Teil jahrelanger Verzögerung bei Kindern auf, die im jungen Alter Masern hatten. Sie geht mit Gedächtnisverlust, epileptischen Anfällen und Muskelkrämpfen einher und führt unweigerlich zum Tod.

          Vielen Erwachsenen bis 45 Jahre fehlt der Impfschutz gegen Masern. Damit gefährden sie aber auch die Menschen, die nicht geimpft werden können.

          Schon im Jahr 2012 hat die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung die Kampagne „Deutschland sucht den Impfpass“ gestartet. Sie umfasst Plakate, Postkarten sowie Kino-, Fernseh- und Radiospots. Zwei Millionen Euro im Jahr stehen dafür zur Verfügung. Zum Vergleich: Das Internet-Modehaus „Zalando“ hatte bei seinem Markteintritt knapp acht Millionen Euro allein für Fernsehwerbung zur Verfügung – pro Monat. Fernsehspots, die reichweitenträchtigste Form der Werbung, darf die Bundeszentrale allerdings nicht gegen Bezahlung schalten – denn jede Bundesbehörde muss die Unabhängigkeit der öffentlich-rechtlichen und privaten Sender achten.

          „Wir sind darauf angewiesen, dass die Sender unsere Spots unentgeltlich zeigen“, heißt es aus der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Bisher haben das nur Privatradios getan, Fernsehsender nicht. In der vergangenen Woche hat die Bundeszentrale ihre Spots abermals verschickt in der Hoffnung, dass die Entscheidung nun anders ausfällt. Der gesundheitspolitische Sprecher der CDU-Fraktion im Bundestag, Jens Spahn, fordert die öffentlich-rechtlichen Sender dazu ausdrücklich auf: „Eine breit angelegte Kampagne für das Impfen sollte auch im Fernsehen stattfinden. Da müssen die öffentlich-rechtlichen Sender schon ihren Auftrag erfüllen.“

          Eigentlich war es das Ziel der Weltgesundheitsorganisation, die Masern bis 2015 in Europa auszurotten. Sie geht davon aus, dass eine Impfquote von 95 Prozent in der Bevölkerung nötig ist, um die Krankheit zu besiegen. Deutschland erreicht diese Quote nur bei Kindern: Bei den Schuleingangsuntersuchungen zeigte sich im Jahr 2011, dass 97 Prozent der Kinder zumindest einmal gegen Masern geimpft waren. 92 Prozent hatten auch die zweite Impfung hinter sich. „Eltern müssen jetzt noch sorgfältiger die zweite Impfung wahrnehmen“, mahnt das Robert-Koch-Institut.

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