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Masern : Ein Schubs zum Impfen

Ein Kinderarzt impft in einer Praxis einen Säugling gegen Masern, Mumps und Röteln Bild: ddp

Viele reden jetzt über eine Impfpflicht gegen Masern. Aber ist eine Pflicht der richtige Weg? Der Staat hat andere Möglichkeiten, den Impfschutz zu verbessern.

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          Manchmal braucht es einen Schubs, um etwas Lästiges zu erledigen. Steht ein Kind am Beckenrand und traut sich nicht zu springen. Die Schwimmlehrerin stupst es leicht von hinten, und halb fällt, halb hopst das Kind. Bekommt das Seepferdchen-Abzeichen und wird hinterher steif und fest behaupten: Ich bin gesprungen. Für manche Dinge sind auch mehrere Schubser nötig, immer wieder, bis jemand handelt. Da geht es nicht um Physik, sondern um Psychologie. Zum Beispiel beim Impfen.

          Viele reden jetzt über eine Impfpflicht gegen Masern, Gesundheitsminister Jens Spahn von der CDU hat sich schon dafür ausgesprochen. Der Präsident der Bundesärztekammer, Frank Ulrich Montgomery, fordert sie sogar gegen alle von der Ständigen Impfkommission empfohlenen Krankheiten. Die Impflücken sind zum Teil dramatisch, immer wieder brechen die Masern aus. Sie gefährden besonders Säuglinge, die noch nicht geimpft werden dürfen und auf den Herdenschutz angewiesen sind. Sich selbst und seine Kinder nicht impfen zu lassen kann man deshalb in den Worten vieler Kinderärzte durchaus asozial nennen.

          Ist die Pflicht also der richtige Weg? Wie eine Keule hat sie durchschlagende Wirkung: Wer nicht gehorcht, kriegt eine Strafe. Aber Keulen hauen nicht gerade präzise. Eine Impfpflicht für Kita-Kinder zum Beispiel würde vernachlässigen, dass die größten Impflücken bei den in den frühen siebziger Jahren Geborenen klaffen: Das sind jene, die als Kinder keine Masern mehr hatten, weil schon ausreichend viele andere geimpft waren – die aber in der Frühzeit der Masern-Impfung selbst noch nicht geimpft wurden.

          Zum Impfen verpflichten müsste der Staat vor allem Uneinsichtige. Und es ist ja auch erschreckend, was radikale Impfgegner an irrationalen Argumenten vorbringen, welche Horrorgeschichten sie über angebliche Impfschäden verbreiten. Aber diese Minderheit ist gar nicht das Hauptproblem. Sondern eher die Nachlässigkeit der eigentlich Gutwilligen. Das sind zum Beispiel Eltern, die schon einen Impftermin für das Kleinkind ausgemacht hatten, das dann aber einen Schnupfen bekam und die Spritze nicht bekommen durfte. Einen neuen Termin auszumachen haben die Eltern dann vergessen.

          Deshalb ist das Schubsen wichtig. Wer immer wieder erinnert wird, sich aber letztlich selbst aufrafft, dem leuchtet sein Handeln anders ein als einem, der nur stoisch seine Pflicht tut. Die Politiker nennen es Nudging, wenn der Staat immer wieder Impulse setzt, möglichst auf vielen Kanälen. Das kommt ursprünglich aus der Verhaltensökonomie und wird gern als paternalistisch kritisiert. Aber es ist sanfter als eine Pflicht – und wirkt womöglich besser. Damit sind nicht unbedingt Plakate gemeint, obwohl die Kampagne „Deutschland sucht dem Impfpass“ sicher manchen dazu gebracht hat, das gelbe Heft hervorzukramen. Oder wie wäre es mit Info-Tagen zum Impfen in Kindergärten und Schulen? Denkbar sind auch automatisierte Erinnerungen an fällige Impfungen durch Haus- und Kinderärzte oder Krankenkassen. Hier ließe sich die Digitalisierung in der Medizin passgenau nutzen.

          So wäre auch das rechtliche Problem umgangen, das in der Diskussion über eine Impfpflicht zu recht immer wieder auftaucht: Das Grundgesetz schützt das Recht auf körperliche Unversehrtheit. Klar ist eine Impfung nur ein Pieks. Aber einer, zu dem sich jeder (oder jede Mutter und jeder Vater für ihr Kind) selbstverständlich selbst entscheiden sollte. Auch wenn die Politik dabei ein bisschen nachgeholfen hat.

          Florentine Fritzen

          Redakteurin in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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