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Sozialisten in der Krise : Der Reformer, der „Die Linke“ retten soll

Kein begnadeter Redner, aber nach eigener Aussage geübt darin, einen Haufen zerstrittener Linker zu führen: Martin Schirdewan am Samstag auf dem Parteitag in Erfurt Bild: dpa

Martin Schirdewan führt künftig zusammen mit Janine Wissler die Linkspartei. Er ist der Enkel eines hohen SED-Funktionärs, der aber wegen Kritik am Stalinismus in Ungnade gefallen war. Ein Porträt des neuen Linken-Vorsitzenden.

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          Martin Schirdewan, der neu gewählte Ko-Vorsitzende der Linkspartei, ist kein begnadeter Redner. Auch in seiner Bewerbungsrede auf dem Linken-Parteitag am Samstag in Erfurt hat er sich nicht selbst übertroffen. Er versprach Politik zu machen für Rentner, „die jahrelang schwer geschuftet haben“, und für Alleinerziehende, die Angst vor ihrer Stromrechnung haben, Gewerkschaften und Klimabewegung zu verbinden, Konsequenzen aus dem Sexismus-Skandal zu ziehen.

          Helene Bubrowski
          Politische Korrespondentin in Berlin.

          Es ist das bekannte Sammelsurium, für jeden etwas dabei. Mit einer Forderung, die auf den meisten politischen Veranstaltungen in Deutschland banal wäre, sticht er auf dem Erfurter Parteitag jedoch heraus: „Russland muss seine Truppen aus der Ukraine abziehen.“ So hat es kein anderer Genosse in den stundenlangen Diskussionen über den Krieg in der Ukraine gesagt. Stattdessen waren viele krude Thesen zu hören, diese zum Beispiel: Genauso imperialistisch wie ein Land zu überfallen sei es, wenn viele Großmächte ein Land mit Tonnen von Waffen vollpumpten.

          Schirdewan, 1975 in Ost-Berlin geboren, hat Sinn für Vernunft, relativ gesehen. Auch er geißelt Aufrüstung und militärische Intervention, stimmte aus diesem Grund einer Resolution des Europäischen Parlaments nicht zu, die den russischen Überfall verurteilte. Der Enkel eines ranghohen SED-Funktionärs, der aber wegen Kritik am Stalinismus in Ungnade gefallen war, gehört zu den Reformern in seiner Partei. Hinter seiner Kandidatur steht der thüringische Landesverband.

          Wagenknecht-Lager verliert an Einfluss

          Inhaltlich steht er Dietmar Bartsch nahe, aber anders als der Fraktionsvorsitzende hält er nichts vom „Hufeisen“, dem taktischen Machtbündnis der Pragmatiker mit dem Lager der linke Ikone Sahra Wagenknecht. Deren Einfluss ist deutlich gesunken. Sören Pellmann, ein Wagenknecht-Vertrauter, schied schon im ersten Wahlgang aus, obwohl er das wichtige Direktmandat in Leipzig gewonnen hatte.

          Zusammen mit der Ko-Vorsitzenden Janine Wissler übernimmt Schirdewan eine Partei in einem desolaten Zustand, die in Erfurt nicht den Eindruck erweckte, gerettet werden zu wollen. Der promovierte Politologe gibt sich optimistisch: Er habe Erfahrung damit, „eine bunte Ansammlung von Linken zu lenken und zu führen.“ Seit 2017 ist er Mitglied des Europaparlaments, seit 2019 führt er zusammen mit der Französin Manon Aubry von „La France insoumise“ die europäische Linksfraktion.

          In Straßburg und Brüssel hat der Vater eines Kindes gelernt, dass Starrköpfigkeit schädlich und ungewöhnliche Allianzen hilfreich sind, um zu Ergebnissen zu kommen. Schirdewan will Europaparlamentarier bleiben. Es sei für die Partei „ein enormer Vorteil“, dass jemand mit europapolitischer Erfahrung an der Spitze stehe, sagt er. Die nächste bundesweite Wahl, der sich Partei stellen muss, ist die Europawahl im Jahr 2024.

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