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Kreuz-Debatte : Jetzt will Söder zuhören

  • -Aktualisiert am

Will mehr zuhören: Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) Bild: dpa

Nach dem Kreuz-Erlass versucht der bayerische Ministerpräsident über einen Runden Tisch das Verhältnis zu den Kirchen in Ordnung zu bringen. Die reagieren sehr zurückhaltend.

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          In der CSU herrscht die Einschätzung vor, man habe die Debatte über das Anbringen von Kreuzen in bayerischen Behörden gewonnen. Zumindest werde man im Hinblick auf die Landtagswahl im Herbst eher Nutzen als Schaden daraus ziehen. Der CSU-Generalsekretär Markus Blume sagte der F.A.Z.: „Unsere Haltung zum Kreuz ist glasklar und findet auch die breite Unterstützung der Bayern. Wir haben damit die christliche Prägung des Landes deutlich unterstrichen.“ Man hört in der CSU auch die These, dass der evangelische Ministerpräsident aus Franken, Markus Söder, durch den Kreuz-Erlass sein Ansehen in Altbayern gemehrt habe. Er habe darüber überdies gezeigt, dass der Freistaat auch ohne Berlin handeln könne. Im Übrigen wird in der CSU auf die Zahl zustimmender Zuschriften verwiesen sowie auf Umfragen. Nach der jüngsten vom Donnerstag – Institut GMS, in Auftrag von Sat.1 – unterstützt eine Mehrheit von 53 Prozent Söders Kreuz-Erlass, 42 Prozent sind dagegen. Nach einer anderen – Institut Civey im Auftrag der „Augsburger Allgemeinen“ –, glauben 38 zu 34 Prozent, dass der Erlass Söder nützen wird, ein Viertel ist unentschieden. Breite Zustimmung sieht vielleicht doch ein wenig anders aus.

          Timo Frasch

          Politischer Korrespondent in München.

          Ganz optimal ist die Debatte tatsächlich auch aus CSU-Sicht nicht gelaufen. Es gab Leute in der eigenen Partei, die das Kreuz politisch instrumentalisiert sahen, etwa der katholische ehemalige Landtagspräsident Alois Glück. Mehr schmerzte die Kritik von Kirchenvertretern, die man in der CSU offenbar nicht erwartet hatte. Die schärfsten Widerworte kamen vom Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz Reinhard Kardinal Marx. Im Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“ sagte er, der Kreuz-Erlass habe statt zu Gemeinsamkeit eher zu „Spaltung, Unruhe, Gegeneinander“ geführt. Über die Hintergründe wurde seither in der CSU trefflich spekuliert. Wollte der Erzbischof von München und Freising allen Ernstes dafür verantwortlich sein, dass Kreuze abgehängt oder erst gar nicht angebracht werden? Das konnte in der CSU niemand glauben. Eher schon, dass der Kardinal verärgert war, weil Söder vor seiner Ankündigung nicht das Gespräch mit ihm gesucht hatte. Darüber allerdings musste man gar nicht spekulieren, denn das hatte Marx schon im Interview bedauert. „Vor einem solchen Schritt“, sagte er in Bezug auf den Kreuz-Erlass, „sollte man eine Debatte mit Kirchen und gesellschaftlichen Gruppen führen – auch mit denen, die keine Christen sind.“

          Als der Rauch dann wieder etwas verzogen schien, kam zumindest bei der CSU die alte Überzeugung zum Vorschein, dass von einem dauerhaften Konflikt mit der Kirche, zumal der katholischen, keiner profitieren würde. Vor diesem Hintergrund ist nun wohl auch Söders Vorstoß für einen Runden Tisch zu sehen, an dem von Juni an über Werte, Kultur und Identität des Landes gesprochen werden soll. Eine entsprechende Meldung dazu verbreitete die Deutsche Presseagentur (dpa) in der Nacht auf Donnerstag um 3.45 Uhr. Söder will demnach „Vertreter der beiden großen Kirchen“ einladen; er denke aber auch an Vertreter anderer Religionsgemeinschaften, etwa der jüdischen Gemeinden, sowie an Repräsentanten aus der Wissenschaft, von Brauchtum und Kultur. „Wir wollen über unsere Identität reden, und zwar integrativ, einladend und nicht ausgrenzend“, sagte er. „Es geht um das offene Wort – und Zuhören. Für mich ist auch wichtig zuzuhören.“

          Mahner in der eigenen Partei, etwa Theo Waigel, begrüßten Söders Gesprächsangebot, das sich einfügt in seine derzeitige Großoffensive des Zuhörens – siehe Dialog über das Polizeiaufgabengesetz. Alois Glück sagte gegenüber der „Augsburger Allgemeinen“, der „Runde Tisch“ helfe „sicher auch, die Situation mit den Kirchen, auch mit Kardinal Reinhard Marx und dem evangelischen Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm wieder zu normalisieren“. Er fügte aber auch an, es wäre „sehr viel besser gewesen, einen breiten Dialog an den Anfang zu stellen“.

          Der Vorstoß Söders, der so versöhnlich daherkommt, erweist sich schon auf den zweiten Blick als für die Kirchen nicht gerade unproblematisch. Wie sollen sie zusagen, wenn sie noch gar nicht wissen, wer genau an den Gesprächen teilnimmt? Was ist mit den Muslimen? Werden sie auch dabei sein? Heikel ist auch die Ankündigung Söders, er werde von den beiden großen Kirchen möglicherweise mehrere Vertreter einladen. „Denn erkennbarer Weise gibt es auch innerhalb der Kirchen unterschiedliche Strömungen.“ Damit greift er nicht nur in die Vertretungshoheit der Kirchen ein, sondern könnte auch den Konflikt zwischen liberalen und konservativen katholischen Bischöfen befeuern, der auch in der Kreuz-Frage zutage trat. Blume sagte der F.A.Z., wichtig sei „jetzt der gesamtgesellschaftliche Dialog, weil es um das verbindende Miteinander und die Grundlagen des Zusammenlebens geht. Daran muss jeder ein Interesse haben.“

          Doch die Kirchen reagierten erst einmal sehr zurückhaltend. Ein Sprecher der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern sagte der F.A.Z., man habe über die dpa vom Runden Tisch erfahren. Solange keine Einladung vorliege, werde man sich nicht dazu äußern. Der Sprecher von Kardinal Marx, dem ebenfalls keine Einladung vorlag, sagte, es sei zu begrüßen, „wenn man ins Gespräch kommt, am besten immer so früh wie möglich“. Dafür gebe es übrigens „permanente Kanäle, die man zur Kommunikation nutzen kann“.

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