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Marina Weisband : Galionsfigur wider Willen

Ein Maskottchen für die Basis: Marina Weisband erläutert anhand von Stofftieren in Berlin die Parteiposition zum Urheberrecht Bild: Julia Zimmermann

Marina Weisband twittert vor dem Aufstehen und liebt das 19. Jahrhundert. Im Mai haben die Piraten die Psychologiestudentin zur Geschäftsführerin gewählt. Gerade weil sie nicht das Gesicht der Partei sein will, wird sie von der Basis geliebt.

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          Es ist ein Sonntag gegen 13 Uhr, als Afelias 16.000 Follower auf Twitter erfahren, dass sie sich gerade mit ihrem Freund gestritten hat. „Der @Herr_Rosenfeld und ich streiten beim Frühstück über die Funktion der Kirche nach einer konsequenten Trennung von Kirche und Staat“, schreibt sie. Es entspinnt sich eine Diskussion, wie es sie oft gibt auf Twitter, eine Diskussion, die keine ist. Jemand fragt: „Es gibt eine ,Funktion’? Du verblüffst mich ...“. Afelia antwortet: „Natürlich gibt es eine Funktion.“

          Katharina Wagner

          Wirtschaftskorrespondentin für Russland und die GUS mit Sitz in Moskau.

          Solche Gesprächsfetzen sind wichtig für Afelias Arbeit, für ihr großes Projekt, das die Politik revolutionieren soll: „Der offene Politiker“ heißt es oder „Der Politiker als Mensch“. Neben Afelias Foto steht ihr richtiger Name: Marina Weisband. Darunter: „Ich bin eine Dame. Es lebt niemand, der etwas Anderes behaupten könnte. Außerdem: Politische Geschäftsführerin der Piratenpartei.“

          Weihnachtsbaum und ein Chanukkah-Leuchter

          Ein paar Stunden nach dem Frühstück ist im Münsteraner Haushalt Weisband-Rosenfeld von Streit nichts mehr zu spüren. In einem bodenlangen altrosafarbenen Rock und einer um die Taille wie ein Korsett geschnürten Bluse läuft Weisband auf Socken durch die Wohnung, sucht nach Schuhen für ihren Auftritt vor der Bundespressekonferenz am Dienstag in Berlin und singt dabei vor sich hin. Herr Rosenfeld, ein sehr großer, sehr ruhiger, sehr bärtiger Mann - der Kassenwart der Münsteraner Piratenpartei ist - kocht Hagebuttentee, während Weisband stolz ihren neuen Arbeitsplatz vorführt, von dem aus sie, wie sie sagt, „die sechstgrößte Partei Deutschlands“ führt.

          Der Arbeitsplatz - Tisch, Bürostuhl, Computer - klemmt in der Wohnzimmerecke neben einer Bücherschrankwand, in der viel Fantasy, etwas russische Klassik und etwas Lyrik steht. Das Zimmer ist in Schwarz und Dunkelrot gehalten, an der Decke hängt ein Kronleuchter aus Plastik mit Glühbirnen in Flammenform. An der Tür steht noch der Lametta-behangene Weihnachtsbaum und im Regal ein Chanukkah-Leuchter. Weisband ist Jüdin, geboren in der Ukraine. Mit sechs Jahren kam sie mit ihrer Familie auf der Flucht vor den Folgen Tschernobyls nach Deutschland, sie sprach kein Wort Deutsch.

          „Bitte wählt mich nicht, weil ich eine Frau bin“

          Aus der Ecke ihres Wohnzimmers heraus führt Weisband nicht nur eine Partei mit 20.000 Mitgliedern. Sie arbeitet auch an etwas, das sie den „Politiker als Menschen“ nennt. Dieser Begriff sei ja inzwischen „zum geflügelten Wort“ geworden, sagt Weisband. Gemeint sei, dass sie jemand sein wolle, der sein Privatleben nicht streng von politischen Aufgaben trennt. Der ständig ansprechbar ist und ständig spricht. Über Gesundheitsbeschwerden genauso wie über die Affäre des Bundespräsidenten. Weisband loggt sich schon vor dem Aufstehen bei Twitter ein. Sie liest, was andere schreiben, oft twittert sie auch selbst, zum Beispiel dass sie gerne ein Babykätzchen hätte oder dass sie alle Piraten „knuddelt“ oder dass sie Leute sucht, die mit ihr Videos drehen wollen über das Programm der Partei. Ihre Tweets werden sofort weitergetweetet und beantwortet, nicht ignoriert wie die mancher trauriger Gestalten, deren Gezwitscher im Nichts verpufft.

          Weisband wurde im Mai 2011 auf dem Bundesparteitag in Heidenheim in ihr Amt gewählt. Damals war sie 23 Jahre alt. Eine schlagfertige, witzige und hübsche Psychologiestudentin aus Münster, die in ihrer Bewerbungsrede sagte: „Bitte wählt mich nicht, weil ich eine Frau bin“. Und die ihre Rede mit den Trappatoni-Worten schloss: „Ich habe fertig“.

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