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Marc Jongen : Der Parteiphilosoph der AfD

Diesen Gedanken weist Sloterdijk mit Vehemenz zurück. „Mit dem AfD-Ideen-Müll habe ich nichts zu tun“, lässt er auf Anfrage wissen. Sloterdijk grenzt sich scharf auch von Jongen ab, der bis zum Sommer sein Assistent war und sich auf einem Kongress schon mal als „Apostel“ Sloterdijks vorstellt. Um das Verhältnis der beiden scheint es, zumindest aus der Sicht Sloterdijks, nicht zum Besten zu stehen. Von Jongens Buchprojekt zu einer Philosophie der AfD wisse er nichts, schreibt Sloterdijk. „Ich sähe es lieber, er führte seine seit langem überfällige Habilitationsschrift zu Ende.“

Jongen fordert „Erziehung zur Männlichkeit“

Hilfe von seinem akademischen Lehrer, aus dem „AfD-Ideen-Müll“ eine „Philosophie der AfD“ zu formen, braucht Jongen also nicht zu erwarten. Die Methode, um dennoch an sein Ziel zu gelangen, nennt Jongen „Avantgarde-Konservativismus“. Damit sei mehr gemeint als „Laptop und Lederhose“. „Das geht schon wesentlich tiefer.“ Ziel sei eine „neodarwinistische Kulturtheorie“, die nicht auf eine Abschaffung von Traditionen, sondern auf deren Beibehaltung hinwirkt. Sie bediene sich dabei allerdings der „avanciertesten Denktechniken“, um dann mit ihnen „gegen die Moderne zu denken“. Die traditionellen Geschlechterrollen zum Beispiel will Jongen so gegen die Anfechtungen des Konstruktivismus abschirmen. Er erkennt zwar an, dass die Geschlechterrollen bis zu einem gewissen Grad tatsächlich kulturell konstruiert sind, wie von der Gender-Theorie behauptet wird.

Für Jongen folgt daraus im Praktischen aber nicht, für Transgender eigene Toiletten einzurichten oder in der Schule über sexuelle Identitäten zu sprechen. Im Gegenteil. Jongen will – gerade weil der Konstruktivismus nicht nur Unrecht hat – die Geschlechterrollen stärker festschreiben, um sie vor der Bedrohung durch die Gender-Theorie zu schützen. Statt „Gender Mainstreaming“ fordert Jongen deshalb „Erziehung zur Männlichkeit“. Dieses Denken bezieht er nicht nur auf Geschlechterfragen. Der gesamte „kulturell-religiöse Überbau“ der Gesellschaft soll auf diese Weise geschützt werden. Die AfD soll die weitere Dekonstruktion von Familie, Volk und Kirche verhindern. Man müsse „pfleglich umgehen mit den notwendigen Illusionen“.

Ganz ungeschoren kommen also auch die Traditionen, die Jongen in seiner Philosophie der AfD zu Bastionen des Abendlandes ausbauen möchte, nicht davon. Die „avanciertesten Denktechniken“ des „Avantgarde-Konservativismus“ fordern auch ihnen einen Preis ab. Sie sollen zwar mit thymotischer Inbrunst hochgehalten werden, haben aber erkenntnistheoretisch nur noch den Status einer Illusion.

Doch wie pflegt man eine Tradition, wohl wissend, dass sie eine Illusion ist? Jongen weiß ein Beispiel. Einmal war er auf einem Landesparteitag der AfD in Baden-Württemberg. Die Teilnehmer hatten gerade eine Resolution gegen das „Gender Mainstreaming“ verabschiedet, da geschah es. Ganz spontan und aus „nationalem Überschwang“, wie Jongen sagt, begannen die Teilnehmer die deutsche Nationalhymne zu singen. Jongen denkt gerne an diesen Augenblick zurück. Der Gesang und seine Theorie, alles passt auf einmal zusammen. „Das“, sagt Jongen, „war ein thymotischer Moment.“

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