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Marc Jongen : Der Parteiphilosoph der AfD

Man könnte dagegen natürlich einwenden, dass es den meisten Deutschen trotz aller Krisen niemals in ihrer Geschichte so gut ging wie heute. Marc Jongen weist dieses Argument zurück. „Nie ging es so gut wie heute, sagten auch die Gänse vor Weihnachten.“ Die AfD interpretiere die Gegenwart „fundamental anders“ als alle anderen Parteien. Diese „Altparteien“ vertreten nach Jongen eine „linear-modernistische“ Auffassung der Geschichte. In der AfD hingegen könnte auch eine Rückkehr zu früheren Zeiten als erstrebenswert gelten. Man könnte diese Haltung als reaktionär bezeichnen, weil ein Konservativer, der Deutschland, wie es ist, bewahren will, auch die Europäische Union, den Euro und den Schengen-Raum bewahren müsste.

Schimmert bei Jongen also eine Fundamentalkritik an der Moderne durch? Der Philosoph bezieht sich jedenfalls vorwiegend auf Denker, die in diesem Ruf stehen: Friedrich Nietzsche, Oswald Spengler, Martin Heidegger und einen Vordenker der „konservativen Revolution“ wie Carl Schmitt, der zunächst von seinem Schreibtisch aus die Weimarer Republik zu sabotieren suchte und dann nach der Machtergreifung ebenso wie Heidegger dienstfertig dem Nationalsozialismus zuarbeitete. Gemeinsam ist diesen Denkern, dass sie von der Vernunft und republikanischer Mäßigung wenig hielten, sondern mehr von scharfen historischen Brüchen. Sie operierten vorwiegend in geistigen Gefilden abseits der Vernunft, in Ausnahmezuständen und Seinsordnungen, Freund-Feind-Schemata und dionysischen Rauschzuständen.

Ist Irrationalismus ein Schimpfwort?

Jongen bezieht sich also vor allem auf Denker, die Professoren sind an der „Seelenfakultät“ des Thymos, nicht des Logos. Und der philosophische Irrationalismus prägte auch ihr politisches Denken. Auf sich selbst will Jongen den Begriff des Irrationalismus jedoch nicht angewendet sehen. Er hält ihn für ein Schimpfwort. Warum? „Weil es Nazi ist“, sagt Jongen. Aber wie soll man sonst eine politische Philosophie bezeichnen, in deren Zentrum der Thymos steht? „In einem wertneutralen Sinn kann ich mir den Begriff des Irrationalismus zu eigen machen, ich würde mich aber selbst nicht so bezeichnen wollen.“

Häufiger noch als der Name Nietzsche fällt in der Diskussion mit Jongen allerdings der Name jenes Denkers, der bis vor kurzem sein Chef war. Peter Sloterdijk war auch derjenige, der in Deutschland den Thymos wieder in die philosophische Debatte geworfen hat. Im vergangenen Jahr schrieb er in seinem Aufsatz „Letzte Ausfahrt Empörung“: „Mit einem Mal steht er wieder auf der Bühne – der thymotische Citoyen, der selbstbewußte, informierte, mitdenkende und mitentscheidungswillige Bürger, männlich und weiblich, und klagt vor dem Gericht der öffentlichen Meinung gegen die mißlungene Repräsentation seiner Anliegen und seiner Erkenntnisse im aktuellen politischen System.

Er ist wieder da, der Bürger, der empörungsfähig blieb, weil er trotz aller Versuche, ihn zum Libido-Bündel abzurichten, seinen Sinn für Selbstbehauptung bewahrt hat, und der diese Qualitäten manifestiert, indem er seine Dissidenz auf öffentliche Plätze trägt.“ Heißt der wahre Philosoph der AfD am Ende also gar nicht Marc Jongen, sondern Peter Sloterdijk?

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