https://www.faz.net/-gpf-8c6w3

Marc Jongen : Der Parteiphilosoph der AfD

„Ich bin kein Gegner von Höcke“

Jongen hält die oft geäußerte Empörung über Höcke für ein Missverständnis. „Es ist die Romantisierung, hinter der man den Übermut vermutet, denn diese Sprache erinnert an übermütige Zeiten“, sagt Jongen. Er meint jedoch nicht, dass der nationale Übermut in Deutschland – und generell in Europa – wieder eine reale Gefahr werden könnte. „Viel eher gehen wir an Missmut und Kleinmut zugrunde. Von daher verlieren auch Höckes Aussagen, in eine andere, modernere Sprache übersetzt, sehr rasch ihren Gruselfaktor.“

Eine scharfe Trennlinie zwischen sich und dem extremen Flügel der AfD um Höcke zieht der Parteiphilosoph nicht. „Ich bin kein Gegner von Höcke.“ Dass es Schnittmengen zwischen beiden gibt, leugnet er nicht – „deshalb sind wir ja auch in derselben Partei“. Jongen widerspricht auch nicht Höckes jüngst geäußerten Ansichten über das Fortpflanzungsverhalten von Afrikanern. Er würde den Sachverhalt allerdings sozioökonomisch erklären und nicht mit einer „biologistischen Theorie“, erläutert er.

Nach Jongens Auffassung weisen auch die vom Höcke-Lager organisierten Demonstrationen wie in Magdeburg in die richtige Richtung. Sie seien ein Mittel gegen die Thymos-Schwäche der Deutschen. „Die Japaner haben einen noch niedrigeren thymotischen Level. Aber die können sich den auch leisten.“ Die Deutschen hingegen, die sich vielen Einwanderern gegenübersähen, könnten sich das nicht erlauben. „Weil es uns wehrlos macht gegenüber robusteren Naturellen“, den Einwanderern zum Beispiel. Das zentrale Ziel der „Psychopolitik“ der AfD müsse es deshalb sein, den deutschen Thymos wieder hochzuregulieren.

Was aber, wenn eine Steigerung des Thymos die Grundordnung der Gesellschaft bedroht? „Damit ist eine Gefahr angesprochen, das leugne ich überhaupt nicht“, sagt Jongen. „Diese Gefahr muss man aber auf sich nehmen, wenn man der existentiellen Großgefahr eines Verschwindens der deutschen Kultur begegnen will. Dann muss man mit diesen Dingen umgehen und leben.“ Die Deutschen sollen also ihre Kultur dadurch verteidigen, dass sie ihre eigentlich sehr deutsche Mäßigung aufgeben. Um sich gegen die laut Jongen „thymotisierten“ Islamisten zur Wehr zu setzen, müssten sie ihnen ähnlicher werden.

Jongen widerspricht apokalyptischen Prophezeiungen nicht

Nicht widersprechen will Jongen auch den apokalyptischen Prophezeiungen von Björn Höcke. Bei der Kundgebung in Magdeburg hatte dieser das Jahr 2016 zum „Jahr der Entscheidung“ ausgerufen. „Wenn wir diese Entwicklung nicht stoppen, prognostiziere ich einen Bürgerkrieg.“ Denn wie die meisten anderen AfD-Politiker sieht Höcke die Gegenwart hauptsächlich durch Krisen bestimmt: Flüchtlingskrise, Währungskrise, Ukraine-Krise und Terrorgefahr kulminieren bei ihm in eine Insgesamt-Krise, die nach einer scharfen politischen Zäsur ruft. Ziel der AfD sei es, erklärte Höcke im Gespräch mit dieser Zeitung einmal, in das durch die „schwere Staatskrise“ herbeigeführte „Vakuum“ einzudringen.

Weitere Themen

Warum Kirsten Boie den Sprachpreis ablehnt

Debatte um Elbschwanenorden : Warum Kirsten Boie den Sprachpreis ablehnt

Kirsten Boie hat den Elbschwanenorden der Hamburger Sektion des Vereins Deutsche Sprache abgelehnt. Die renommierte Jugendbuchautorin stößt sich an Äußerungen des Vereinsvorsitzenden. Der schwadronierte unter anderem vom „aktuellen Meinungsterror“ der „linksgestrickten Lügenpresse“.

Topmeldungen

Ein Reisepass aus Malta (hier von unserem Illustrator verfremdet) ist manchen Investoren viel Geld wert.

Staatsbürgerschaftshandel : Goldene Pässe für Superreiche

EU-Länder wie Zypern und Malta verkaufen ihre Staatsbürgerschaft gegen teures Geld. Ist das in Ordnung? Christian Kaelin, der als „König der Pässe“ bekannt ist, verteidigt das Geschäftsmodell.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.