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Marc Jongen : Der Parteiphilosoph der AfD

In Europa, wo vor allem die Vernunft in Politik und Philosophie Ansehen genießt, sei der Thymos zu Unrecht in Verruf geraten, meint Jongen. Weil es Deutschland an Zorn und Wut fehle, mangele es unserer Kultur auch an Wehrhaftigkeit gegenüber anderen Kulturen und Ideologien, etwa dem Islamismus, der eine „hochgepushte thymotische Bewegung“ sei. Die AfD unterscheide sich durch ihren positiven Bezug zum Thymos von allen anderen politischen Parteien. Einzig die AfD lege „Wert darauf, die Thymos-Spannung in unserer Gesellschaft wieder zu heben“, sagt Jongen.

„Stolz und Wut sind in der AfD wichtige Emotionen“

Vom Logos-zentrierten System der sogenannten Altparteien wollen auch die AfD-Anhänger wegkommen, die sich Ende Oktober zu einem Marsch durch Magdeburg versammelten. 2000 Bürger, von denen etliche in schwarzen Bomberjacken erschienen waren, setzten dort in politische Praxis um, was Jongen im philosophischen Seminar vordenkt. Der Thymos des deutschen Volkes war dort zu hören. Zunächst recht milde mit „Merkel muss weg, Merkel muss weg!“-Sprechchören. Dann aus voller Kehle mit der Parole: „Lügenpresse, Lügenpresse!“ Auf einem Plakat hieß es: „Die Asylanten werden verwöhnt. Das Volk wird verpönt.“ Die Erregungskurve des angeblich kleingehaltenen deutschen Volkes, insofern es sich in Magdeburg versammelt hatte, zeigt steil nach oben. „Wie krank im Geschlecht und im Geiste, wie unnatürlich ist diese rot-grüne Gefolgschaft“, rief Sachsen-Anhalts AfD-Spitzenkandidat André Poggenburg. Die Menge rief: „Wer Deutschland nicht liebt, soll Deutschland verlassen!“

Mit diesem letzten Sprechchor, da will Jongen nicht widersprechen, haben die AfD-Anhänger ein wenig übertrieben. Allerdings hält er einen gewissen Überschwang für normal. „Stolz und Wut sind in der AfD wichtige Emotionen“, sagt er. Auf Demonstrationen wie in Magdeburg würden sich diese „Energien in etwas unreiner Form“ äußern. Das sei aber „ganz natürlich“ – „es liegt dann eben in der Verantwortung der AfD-Politiker, diese Dinge nicht weiter aufzuwiegeln“.

In Magdeburg stand auch Björn Höcke am Mikrofon, der thüringische Landesvorsitzende der AfD. „Ich stehe hier und atme Geschichte“, verkündete er und blickte auf zu den Türmen des Magdeburger Domes, wo Kaiser Otto der Große begraben liegt. Höcke beschwor den Geist des alten Herrschers im Sound historischer Unmittelbarkeit. „Otto – ich grüße dich!“ Denn Otto, erklärte Höcke, habe auf dem Lechfeld mit Kriegern „aus allen deutschen Stämmen“ die Eindringlinge aus dem Osten vernichtet. 1000 Jahre liege der alte Kaiser im Dom begraben, dozierte Höcke. Eine Zahl, mit der er sich stark beschäftigt. „Ich will, dass Magdeburg und Deutschland nicht nur eine tausendjährige Vergangenheit haben“, rief er. „Ich will, dass sie auch eine tausendjährige Zukunft haben! Und ich weiß: Ihr wollt es auch!“

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