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Vor Bund-Länder-Konferenz : Mediziner fordern bundesweite Verlängerung des Lockdowns

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Berlin im Lockdown: Die Ärztegewerkschaft Marburger Bund fordert eine Verlängerung der Corona-Maßnahmen, um das Gesundheitssystem zu entlasten. Bild: dpa

Ohne Kontaktbeschränkungen werde man die Lage nicht in den Griff bekommen, mahnen Ärztevertreter. Der Impfstart werde frühestens in drei Monaten Entlastung bringen. SPD-Experte Lauterbach hält eine Öffnung von Grundschulen unter bestimmten Bedingungen dennoch für möglich.

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          Die Ärztegewerkschaft Marburger Bund fordert angesichts der Lage in den Krankenhäusern eine Verlängerung des harten Lockdowns. Die Belastung durch die Versorgung von Covid-19-Patienten sei auch über die Feiertage weiter angestiegen, sagte die Gewerkschaftsvorsitzende Susanne Johna den Zeitungen der Funke-Mediengruppe. Die Kliniken hätten keine Atempause.

          „Das Gesundheitssystem braucht dringend eine Entlastung, die nur durch eine Verlängerung der Maßnahmen zur Kontaktbeschränkung zu erreichen ist. Anders werden wir die Lage nicht in den Griff bekommen“, sagte Johna. Hinzu komme, dass immer mehr Patienten auf den Intensiv- und Infektionsstationen mit immer weniger Personal versorgt werden müssten, weil sich auch Krankenhauspersonal mit dem Virus infiziere. Diese extreme Arbeitslast sei dauerhaft nicht zu schultern.

          Sie wünsche sich von der Konferenz der Ministerpräsidenten am kommenden Dienstag daher eine „möglichst einheitliche Verlängerung der Kontaktbeschränkungen“, sagte die Marburger-Bund-Vorsitzende. Hoffnungen auf eine rasche Entspannung der Lage wegen des Corona-Impfstarts dämpfte Johna: „Bei allem Optimismus muss uns klar sein, dass durch die Impfung zumindest in den ersten drei Monaten des neuen Jahres kaum Entlastung für das Infektionsgeschehen zu erwarten ist.“

          Vorschläge, die Corona-Strategie zu ändern und nur noch Risikogruppen zu schützen, wies die Medizinerin zurück: „Die mehr als 20 Millionen Menschen in hohem Alter oder mit Vorerkrankungen lassen sich nur konsequent schützen, wenn die Übertragung des Virus in der gesamten Bevölkerung abnimmt.“

          Der Präsident der Vereinigung der Intensiv- und Notfallmediziner, Uwe Janssens, rechnet laut „Rheinischer Post“ ebenfalls erst im Sommer mit einer nachhaltigen Entspannung auf den Intensivstationen. „Wir Intensivmediziner raten dringend dazu, bis zu einem Inzidenzwert von unter 25 Neuinfektionen je 100.000 Einwohner und Woche keine Lockerungen in Aussicht zu stellen“, sagte er. „Wir werden erst Ende kommender Woche in den Krankenhäusern sehen, wie stark Weihnachten zur Verbreitung von Covid-19 beigetragen hat. Die Effekte von Silvester dann noch deutlich später.“

          Auch Wirtschaftsexperten warnen vor Lockerungen

          Ärztekammer-Präsident Klaus Reinhardt sagte der „Bild“-Zeitung, man müsse den Menschen klarmachen, „dass wir jetzt noch vor zwei, drei, vier Monaten stehen, die Anstrengungen von allen erfordern“.

          Auch Wirtschaftsexperten warnen vor Lockerungen. „Für die Wirtschaft muss es oberste Priorität haben, dass die zweite Infektionswelle möglichst schnell begrenzt wird“, sagte der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, Marcel Fratzscher, der „Augsburger Allgemeinen“. „Wirtschaftliche Lockerungen jetzt mögen kurzfristig manchen nutzen, langfristig würden sie jedoch allen schaden.“

          Lauterbach hält Öffnung von Kitas und Grundschulen für möglich

          Eine Wiederöffnung von Kitas und Grundschulen ab der zweiten Januarhälfte ist nach Meinung des SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach unter bestimmten Bedingungen möglich. „Voraussetzung wäre, dass alle anderen Klassenstufen geteilt würden und wechselnd Präsenz- und Digitalunterricht erhalten. Oder der Präsenzunterricht ganz ausgesetzt wird“, sagte Lauterbach der Düsseldorfer „Rheinischen Post“ (Samstag).

          „Wenn alle Schulen wieder aufmachen wie vor den Ferien, laufen wir Gefahr, dass wir selbst den Inzidenzwert von 50 Neuinfektionen je 100.000 Einwohner und Woche trotz Lockdowns gar nicht erst erreichen werden“, warnte er. „Daher wäre das ein großer Fehler.“ Es sei wissenschaftlich erwiesen, dass Kinder ab zwölf Jahren genauso ansteckend seien wie Erwachsene.

          Der Neuinfektionswert von 50 ist die von Bund und Ländern vereinbarte Zielmarke. Darunter gilt die Pandemie als beherrschbar. Derzeit liegt der Wert im bundesweiten Schnitt über 140. Die Ministerpräsidenten der Länder wollen am 5. Januar mit Kanzlerin Angela Merkel (CDU) darüber beraten, wie es nach dem 10. Januar mit dem bundesweiten Lockdown weitergeht. Zuvor beraten die Kultusminister am Montag über die Situation der Schulen.

          Schnelle Zulassung des AstraZeneca-Impfstoff nötig

          Angesichts des Engpasses bei Impfstoffen drang Lauterbach auf eine schnellere Zulassung des Wirkstoffs des britisch-schwedischen Pharmakonzerns AstraZeneca und brachte notfalls einen deutschen Alleingang ins Gespräch. Außerdem halte er es für richtig, bei allen verfügbaren Impfstoffen zunächst mit einer Einmal-Impfung zu starten: „Damit würden wir wahrscheinlich sehr viele schwere Fälle in den nächsten zwölf Wochen abwenden können“, sagte Lauterbach.

          Der Gesundheitsexperte kritisierte den Mangel an Impfstoffdosen. Es sei sehr bedauerlich, dass Europa „so wenig von dem teuren amerikanischen Impfstoff von Moderna gekauft hat“. Schon sehr früh sei klar gewesen, dass der Moderna-Impfstoff sehr stark wirke und in Hausarztpraxen verwendet werden könne: „Das wäre jetzt kein Nachteil“, sagte Lauterbach. „Auch mehr Biontech-Impfstoff wäre nicht falsch gewesen.“ Man habe wohl zu sehr auf spätere und vielleicht preiswertere Impfstoffe gehofft. „Wenn Deutschland selbst oder die EU von vornherein mehr Biontech-Impfdosen bestellt hätte, wären wir jetzt schon deutlich weiter“, sagte Lauterbach.

          Zulassung von Moderna-Impfstoff nächste Woche erwartet

          Auf Vorwürfe, die Bundesregierung habe mehr vom Biontech-Impfstoff bestellen müssen, gab die Gesundheitsexpertin der Grünen-Fraktion, Kordula Schulz-Asche, in der „Welt“ (Samstag) zu bedenken, dass auch das Biontech-Vakzin im Sommer erst in der Testphase gewesen sei.

          Die Bundesregierung erwartet für das erste Quartal bis zu 12 Millionen Dosen des bisher einzigen zugelassenen Impfstoffs der Hersteller Biontech/Pfizer, mit dem sechs Millionen Menschen geimpft werden könnten. Zudem erwartet sie bereits kommende Woche die Zulassung des Präparats von Moderna. Für einen Sieg über die Pandemie in Deutschland gilt eine Immunisierung von mindestens 50 Millionen Menschen als nötig.

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