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Manipulierte ICE-Strecken : Mit IS-Propaganda und Holzkeilen

Polizisten suchen im Oktober 2018 nach einem versuchten Anschlag auf der ICE-Strecke zwischen Nürnberg und München die Schienen ab. Nun wird der Fall vor Gericht verhandelt. Bild: dpa

In Wien steht ein Iraker wegen Terrorismusverdachts vor Gericht. Er gibt Manipulationen an ICE-Strecken in Deutschland zu, verharmlost sie aber: Er habe niemandem schaden, sondern zum Nachdenken anregen wollen. Die Staatsanwaltschaft sieht das anders.

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          Ein irakischer Asylant, der an seinem Wohnort Wien seit Dienstag wegen Terrorismusverdachts vor Gericht steht, hat zugegeben, 2018 in Deutschland Strecken für ICE-Züge manipuliert zu haben. Doch er bestritt die Absicht, sie zum Entgleisen zu bringen: „Ich wollte niemandem schaden, sondern politische Gedanken fördern.“ Auch gab er an, niemals Sympathisant oder Unterstützer der Terrormiliz Islamischer Staat gewesen zu sein. Er habe nur „Dummheiten begangen“".

          Stephan Löwenstein

          Politischer Korrespondent mit Sitz in Wien.

          Laut Anklage hatte er allerdings vier Mal gefährliche Konstruktionen an Bahnstrecken angebracht, die nur wegen Fehlern im Detail nicht zu Katastrophen führten. An den Anschlagsorten hinterließ er IS-Propagandamaterial. Der 44 Jahre alte Mann befindet sich seit 2012 in Österreich und genießt Flüchtlingsschutz. Seine elf Jahre jüngere Ehefrau ist als Mittäterin angeklagt.

          Nach Angaben der Staatsanwaltschaft soll der Mann schon seit seiner Einreise nach Österreich aktive Kontakte zum IS unterhalten haben, namentlich zu einem in der Schweiz lebenden Iraker, der 2017 als Kopf einer IS-Zelle dort verurteilt wurde. In dieser Zeit sei der jetzt Angeklagte zu dem Entschluss gelangt, selbst Anschläge zu verüben.

          Erster Anschlagversuch im Januar 2018

          Zunächst sei er nach Paris und Marseille gereist, um mögliche Ziele auszukundschaften. Ein Artikel in einem Online-Magazin des IS habe ihn dann auf die Idee gebracht, in Deutschland ICE-Züge durch Balkenkonstruktionen zum Entgleisen zu bringen. Er habe sich Fachwissen in Eisenbahnwesen und Zugtechnik angeeignet, in einem Baumarkt Bauteile besorgt und sie in der Abstellkammer seiner Wohnung zusammengebaut.

          Der erste Anschlagsversuch geschah am 25. Januar 2018. Der Angeklagte habe nahe Nürnberg auf der Strecke nach München mit Ketten und Metallteilen Holzkeile auf den Gleisen befestigt. Er habe eine Schachtel mit einer Speicherkarte hinterlassen, auf der eine Rede des ehemaligen IS-Sprechers Abu Mohammad Al-Adnani abgespeichert war. Der Anschlag sei gescheitert, weil die Keile zu kurz waren, um einen ICE aus der Spur zu bringen.

          Im August habe es der Iraker am selben Ort  wieder versucht, diesmal mit vier statt zwei Holzteilen. Diesmal habe er an einer Eisenbahnbrücke ein islamistisches Graffito hinterlassen. Zuvor habe er außerdem ein Schreiben verfasst, in dem er mit weiteren Attentaten auf Schnellzüge in Europa drohte. Doch wuchtete auch diesmal ein ICE beim Aufprall das Hindernis auf die Seite, ohne dass erhebliche Schäden verursacht wurden.

          Ein ICE auf der Strecke zwischen Nürnberg und München (Archivbild)
          Ein ICE auf der Strecke zwischen Nürnberg und München (Archivbild) : Bild: dpa

          Daraufhin, so heißt es in der Anklageschrift weiter, habe der Mann sein Vorgehen verändert. Er habe wieder auf dieser Strecke im Oktober 2018 ein Stahlseil schräg über die Gleise gespannt, das er an zwei Oberleitungsmasten befestigte. Diesmal kam es zu einem Lichtblitz, als ein mit 160 Passagieren besetzter ICE an das Seil stieß. Die Frontscheibe und der Lack des Triebwagens wurden beschädigt, aber der mit mehr als 200 Stundenkilometern fahrende Zug blieb wieder auf dem Gleis.

          Für seinen vierten Anschlag sei der Angeklagte im Dezember nach Berlin gefahren und habe ein Seil mit Hakenkrallen über die Oberleitung der S-Bahn bei Karlshorst geworfen. Doch sei dann ein Güterzug statt einer S-Bahn an das Hindernis gestoßen. Es gab einen Lichtblitz, ein Oberleitungsmast wurde beschädigt.

          Vorlage für Drohschreiben auf Kopierer vergessen

          In einem Kopiergeschäft im Wiener Westbahnhof vervielfältigte der Mann sein Drohschreiben; allerdings vergaß er die Vorlage auf dem Kopierer. Das half bei seiner Identifizierung. Ende März 2019 wurde er festgenommen. In seinem Haus wurde Propagandamaterial sichergestellt. Die Staatsanwaltschaft wirft dem Iraker vor, er habe im Namen des IS mit seinen Anschlägen „größtmöglichen Sachschaden, größtmöglichen Personenschaden anrichten“ wollen. Seine Frau habe ihn „tatkräftig“ unterstützt.

          Sein Verteidiger gab an, der Iraker sei wegen der politischen Lage in seiner Heimat verbittert gewesen. Ein vom Iran gestütztes Marionettenregime habe mithilfe europäischer Truppen dort die Macht erlangt. Mit den vier Anschlägen habe er Deutschland dazu bringen wollen, seine Truppen aus dem Irak abzuziehen. Nur deshalb habe er zum Schein vorgegeben, im Namen des IS zu handeln, denn vor einem Einzeltäter „hätte sich niemand gefürchtet“. Die Anschläge seien bewusst so gestaltet worden, „dass niemals eine Gefahr für Menschen eintreten kann“.

          Die Verteidigerin der Ehefrau gab an, sie habe von allem nichts gewusst, habe sich entsprechend den patriarchalen Strukturen ihrer Heimat in allem untergeordnet und keine Fragen gestellt. Die Staatsanwaltschaft verweist auf DNA-Spuren der Frau, die auf Material sichergestellt worden seien, das bei den Anschlägen verwendet wurde.

          Das Paar lebte mit vier minderjährigen Kindern in einer Gemeindewohnung in Wien-Simmering. Sie hätten sich sehr unauffällig verhalten, kaum soziale Kontakte gepflegt, aber nach außen gut integriert gewirkt, sagt die Staatsanwaltschaft. Der Prozess findet am Wiener Straflandesgericht unter strengen Sicherheitsvorkehrungen statt.

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