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Makkabiade : Später Triumph über die Geschichte

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Zum ersten Mal in Berlin: Die Makkabiade Bild: Rafael Herlich, dpa

Warum die Veranstalter der Makkabiade die jüdischen Sportspiele in diesem Jahr in Berlin stattfinden lassen – obwohl es auch Skeptiker gab.

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          Eine Gruppe der deutschen Bevölkerung ist schon jetzt, bevor sie überhaupt begonnen haben, dankbar und überglücklich über die 14. Europäischen Makkabi Spiele in Berlin: Das sind die Politiker. An diesem Montag findet im Neuköllner Estrel-Hotel, wo die 2300 Sportler aus 36 Ländern während der Spiele wohnen und (koscher) essen werden, die Eröffnungsparty statt. Am Dienstag wird Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) an der Gedenkzeremonie auf dem Maifeld teilnehmen, wenige Stunden später findet in der Waldbühne die Eröffnungsfeier mit Bundespräsident Joachim Gauck statt, und spät am Abend gibt es ein Feuerwerk über dem Olympiapark. Am Montag beginnen die Wettkämpfe in 19 Sportarten – Bridge ist darunter –, die bis zum 5. August ausgetragen werden.

          Jeder, der mit dem Zug in Berlin eintrifft, kann am Hauptbahnhof eine Open-Air-Ausstellung über berühmte jüdische Stars im deutschen Sport um 1933 betrachten. Die 17 Persönlichkeiten stehen als große Silhouetten auf dem Washingtonplatz, Passanten können sich über das Schicksal der erfolgreichen deutschen Sportler informieren, die jedoch aus rassistischen Gründen im „Dritten Reich“ aus ihren Verbänden ausgeschlossen, verfolgt und getötet wurden.

          Nach der zehnfachen deutschen Leichtathletikmeisterin Lilli Henoch, die 1942 gemeinsam mit ihrer Mutter deportiert und ermordet wurde, ist immerhin seit 1994 eine Straße im Stadtteil Prenzlauer Berg benannt. Es sind solche Schicksale, die erst in jüngster Zeit historisch aufgearbeitet wurden, die so viele Beobachter glücklich machen, dass die Organisatoren der Makkabiade die Spiele in diesem Jahr bewusst in Berlin veranstalten. Bis zum 16. August bleibt die Ausstellung dort, dann zieht sie in den Olympiapark.

          Müller: Eine einzigartige Botschaft

          Gretel Bergmann, der die Flucht vor den Nazis nach Großbritannien gelang und die dort 1934 britische Meisterin im Hochsprung wurde, durfte nicht an den Berliner Olympischen Spielen 1936 teilnehmen. Sie war allerdings zur Rückkehr nach Deutschland genötigt worden. Bergmann lebt heute in New York. Sie ist 101 Jahre alt. Seit 2009 führt der deutsche Leichtathletik-Verband den Rekord, den sie vier Wochen vor Beginn der Nazi-Spiele gesprungen war, in seinen Büchern auf.

          „Jüdische Athletinnen und Athleten kommen 70 Jahre nach dem Ende des nationalsozialistischen Massenmords am Judentum Europas in Berlin zu einem friedlichen Sportfest zusammen. Dieses Fest findet statt auf dem Areal, das die nationalsozialistische Diktatur erbaute“, daher sei „allein schon das Stattfinden der ,Maccabi Games‘ in unserer Stadt eine einzigartige Botschaft“, sagte Michael Müller, der Regierende Bürgermeister.

          Makkabiade in Deutschland: Es ist der richtige Zeitpunkt

          Kulturstaatsministerin Monika Grütters sagte bei der Eröffnung einer Ausstellung, die zum Kulturprogramm der Makkabiade in Berlin gehört, das Ereignis sei in ihren Augen so etwas wie ein „Triumph über Geschichte, über die Abgründe unserer Geschichte“. Für Innensenator Frank Henkel ist die Makkabiade in Berlin „ein Zeichen des Vertrauens in die deutsche Hauptstadt und damit in unser ganzes Land“. Justizminister Maas, der als Pate des Triathlons an der Makkabiade mitwirkt, nannte die Spiele in Berlin „ein unverdientes Geschenk“. Er versprach namens der Bundesregierung, „alles dazu beizutragen, dass die Sportler einige unvergessliche Tage in Berlin“ erleben dürften. Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen ist die Patin fürs Dressurreiten, Jerome Boateng für den Fußball.

          In einer Stadt, die einerseits unter jüdischen und israelischen Besuchern sehr beliebt ist – allein im vergangenen Jahr verbrachten mehr als 100.000 israelische Gäste annähernd 400.000 Nächte in Berlin –, in der andererseits alle öffentlichen Zeichen jüdischen Lebens stark und sichtbar polizeilich vor antisemitisch motivierten Übergriffen geschützt werden müssen, werden für die Wettkämpfe jüdischer Sportler besondere Sicherheitsvorkehrungen getroffen. „Wir fühlen uns sicher“, sagt Alon Meyer, der Präsident von Makkabi Deutschland.

          In der zionistischen Bewegung gegründet

          Es sei „der richtige Zeitpunkt“, die Makkabiade in Deutschland zu veranstalten. Das rücke das Land „in das Licht, das es verdient hat“. Es gebe inzwischen „lebens- und lobenswertes jüdisches Leben“ hier. Bundeskanzlerin Angela Merkel versicherte in der Wochenzeitung „Jüdische Allgemeine“, Deutschland werde ein „weltoffener und freundlicher Gastgeber sein“. Natürlich gebe es Skeptiker, die nicht überzeugt seien, dass die Makkabiade in Berlin eine gute Idee sei, sagte Meyer, doch sei er überzeugt davon, dass ihre Bedenken nach den Spielen zerstreut sein würden.

          Die Makkabiade stammt aus der zionistischen Bewegung der zwanziger Jahre, als jüdische Sportler vor allem in Deutschland, aber auch anderswo, Diskriminierung erfuhren. Sie findet alle vier Jahre in Israel, und, jeweils um zwei Jahre versetzt, alle vier Jahre als Europäische Makkabi Spiele im europäischen Ausland statt. 2011 war Wien die Austragungsstadt. Makkabi Deutschland heißt die Organisation mit 4000 Mitgliedern in 37 Ortsvereinen. Von Badminton, Basketball und Bowling über Bridge und Schach und den Hallenfußball Futsal, Golf, Squash, Tennis, Tischtennis und Wasser-Polo reichen die Sportarten, die bei den Makkabi Spielen ausgeübt werden.

          Erster Präsident des 1921 beim 21. Zionistischen Kongress im böhmischen Karlsbad gegründeten Makkabi-Weltverbands war der Deutsche Heinrich Kuhn. Die erste Makkabiade fand 1932 in Palästina statt. Die Spiele in Wien, sagte Maas, hätten noch „Hinterhof-Charakter“ gehabt. In Berlin aber suche man die Öffentlichkeit – in die Waldbühne, wo die offizielle Eröffnung stattfindet, passen allein 22.000 Zuschauer.

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