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Mahnmal-Eröffnung : Ein Ort wie kein anderer

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Die Ästhetik des Erinnerns Bild: ddp

2711 Stelen, die nicht einschüchtern, aber auch nicht trösten: Nach der Einweihung des Denkmals für die ermordeten Juden Europas sucht sich die Erinnerungspolitik schon neue Aufgaben. FAZ.NET.Spezial mit Bildergalerie.

          9 Min.

          Verblüffend, wie präzise die Informationen gelegentlich sind, die der Volksmund kundtut: „Zweetausendsiebenhundert Dinga“, erklärt der beleibte Berliner seiner Frau beim Spaziergang im Tiergarten.

          Tatsächlich besteht das „Denkmal für die ermordeten Juden Europas“, das an diesem Dienstag eröffnet wird, aus 2711 Betonstelen auf einem Grundstück von 19.000 Quadratmetern. Die niedrigsten sind zwanzig Zentimeter hoch, die höchsten 4,50 Meter. „War schon einjeweiht oder was“, wie eine Dame ihre Begleiter informiert, ist allerdings eine glatte Fehlinformation, auch wenn dieser Tage Kamerateams durch die 95 Zentimeter schmalen Gassen zwischen den grauen Betonstelen wandern und das fast fertige Bauwerk einen steten Besucherstrom anzieht.

          Feierliche Übergabe

          Eingeweiht wird das Mahnmal zwei Tage nach den Gedenkfeiern zum 60. Jahrestags des Kriegsendes, für die auf der Westseite des Brandenburger Tors schon am Himmelfahrtstag ein Podest aufgebaut wurde. An diesem Dienstag wird die Bauherrin, eine Bundesstiftung öffentlichen Rechts, das Stelenfeld auf dem ehemaligen Todesstreifen zwischen Ost- und West-Berlin mitsamt dem unterirdischen „Ort der Information“ feierlich übergeben.

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          Mahnmal-Eröffnung : Ein Ort wie kein anderer

          Mehr als 17 Jahre sind vergangen, seit die Journalistin Lea Rosh das erste Mal forderte, in der ehemaligen Hauptstadt des „Dritten Reichs“ müsse ein Denkmal für die ermordeten Juden errichtet werden. Vom 12. Mai an wird es der Öffentlichkeit dauerhaft zugänglich sein. Führungen aber gab es während der vergangenen Monate schon viele; allein bis zum 8. Mai werden je vier in deutscher und englischer Sprache angeboten. Es war eine öffentliche Baustelle.

          Der richtige Ort

          Das Stelenfeld ist schon lange vor seiner Eröffnung ein gut besuchter, wenn auch stiller Ort. Wenn es erst einmal zum obligatorischen Programm der Berlin-Besucher gehört, wird die Touristenmeile zwischen Potsdamer Platz und Reichstag noch belebter sein. Seit an der „ewigen Baustelle“ in den ehemaligen Ministergärten im Berliner Regierungsviertel im April 2003 die echten Bauarbeiten begannen, hat das Publikum am Entstehen des Mahnmals lebhaft Anteil genommen. Ein etwa zwei Meter hoher Bauzaun, durch den man, bisher nur von zwei Seiten her, das Grundstück sehen kann, vermittelt unmittelbar vor der Eröffnung einen Eindruck davon, wie es einmal aussehen wird. Vor den Informationstafeln am Zaun stehen die Leute und lesen konzentriert, einzelne fotografieren durch den Zaun hindurch, Unterhaltungen werden leise geführt.

          Wer dieser Tage, von Osten kommend, durch das Brandenburger Tor geht und sich nach links wendet, findet dort schon wieder eine neue Baustelle. Unter großem Sicherheitsaufwand wird die amerikanische Botschaft errichtet und damit die letzte Baulücke am Pariser Platz geschlossen. Gleich dahinter, jenseits der mit Rücksicht auf die Amerikaner verlegten Behrenstraße, liegt das Mahnmal in einer Gegend, die neu und modern wirkt.

          Die hohen Häuser des Potsdamer Platzes, die aufwendigen Vertretungen der Bundesländer und die Rückseiten des DDR-Wohnungsbaus der achtziger Jahre entlang der Wilhelmstaße sowie die Rückseiten der Häuser vom Pariser Platz erwecken den irreführenden Eindruck, das Mahnmal liege in einem eleganten neuen Viertel. Ganz sicher wird es zu den bestbehüteten Anlagen Berlins gehören, auch wenn sein Architekt Eisenman gar nicht wünscht, daß es sich zu erfolgreich nach außen abschirmt. Allein die Nähe der Banken, des Hotels Adlon, der amerikanischen, englischen und französischen Botschaft und der Landesvertretungen garantiert einen hohen Grad sozialer und polizeilicher Kontrolle.

          Versöhnliche Geste

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