https://www.faz.net/-gpf-u69q

Machtkampf bei der CSU : Seehofer: „Ich werde kandidieren“

  • -Aktualisiert am

Seehofer: Kein Wort über Konkurrent Huber Bild: ddp

Als das CSU-Volk Edmund Stoiber beim Politischen Aschermittwoch in Passau feierte, fehlte Horst Seehofer. Als Resignation will er das nicht verstanden wissen. Und in der Tat: Der Agrarminister nutzte seinen alternativen Auftritt in Krefeld zur Werbung in eigener Sache. Von Peter Schilder.

          Vom „bedeutendsten Fischessen in der Bundesrepublik Deutschland“ spricht der CDU-Kreisvorsitzende und Landtagsabgeordnete Winfried Schittges. Ausgerechnet in Krefeld, der einstigen Seidenstadt am Niederrhein, wo heute nur noch wenig glänzt.

          Seit 1981 lädt die dortige CDU am Aschermittwoch zum Fischessen ein. Das hat außerhalb Krefelds bisher kaum einer bemerkt. Doch diesmal ist das ganz anders. Horst Seehofer, einer der Bewerber für die Nachfolge Stoibers als CSU-Vorsitzender, ist Ehrengast und Redner an diesem Abend.

          Stoiber aus dem Weg gegangen

          Der Krefelder CDU-Bundestagsabgeordnete Willy Wimmer hatte die Sache vor fast einem Jahr eingefädelt. Als der Termin am 16. Juni 2006 durch das Büro Seehofers bestätigt wurde, ahnte noch niemand, dass dieses Abendessen mehr Aufsehen erregen würde als sonst. Erst als Seehofer kurzfristig seine Teilnahme am politischen Aschermittwoch in Passau abgesagt hatte, richtete sich die mediale Aufmerksamkeit auf die politische Karnevalsnachbereitung im Rheinland.

          Der Kandidat kokettiert in Krefeld mit Kritik

          Seehofers Motive für seine Absage erschlossen sich zwischen Hauptgericht und Nachspeise. Fast drei Stunden hätte Seehofer seinem Noch-Parteivorsitzenden Stoiber in Passau zuhören müssen. Er hätte Beifall klatschen und lächeln müssen. Dutzende Kameras wären auf ihn gerichtet gewesen, hätten jede Regung festgehalten, nur reden hätte er nicht können.

          Das war in Krefeld ganz anders. Kameras, Fotografen und Journalisten waren reichlich da. Die großen Fernsehsender baten einzeln zum Interview für die abendlichen Nachrichtensendung. Die Bühne war also errichtet, die Lautsprecher aufgestellt, um vom Niederrhein nach Niederbayern auszustrahlen. Mehr Resonanz wäre kaum möglich gewesen und Horst Seehofer hat sie genutzt.

          Lob für die große Koalition

          Nach ein paar Lockerungsübungen („Eine solch ungewöhnlich freundliche Aufnahme ist mir nicht jeden Tag vergönnt“) kommt er schnell zur Sache. Statt die Arbeit der großen Koalition zu kritisieren und zu geißeln, wie es Stoiber in Passau tat, stellt er ihre Verdienste heraus. Deutschland stehe heute besser da, als vor anderthalb Jahren. So habe man Schluss gemacht mit dem Unsinn, Arbeitsplatzverlagerungen nach Osteuropa über die EU zu finanzieren. Steuerschlupflöcher habe man geschlossen, etwa die Gewinnverlagerung internationaler Unternehmen ins Ausland.

          Seehofer gestand ein, dass die Konjunktur viel zum Aufschwung beigetragen habe, „aber die Regierung war nicht unbeteiligt daran“. Das müsse doch auch einmal gesagt werden. Der Beifall war ihm sicher.

          Er weiß, dass ihm seine innerparteilichen Gegner in der CSU wirtschaftliche Kompetenz absprechen. Geschickt kokettiert er damit und hält seine eigene ökonomische Theorie dagegen, die er von seinem Vater, „einem Bauarbeiter“, gelernt hat. „Wenn es der Firma gut geht, haben wir auch eine Chance, dass es uns gut geht.“ Diesen einfachen Grundsatz empfiehlt er auch manchen Konzernvorständen. Wieder sammelt er den Beifall der mehr als 300 Essensgäste ein.

          „Wir sind die Gewinner der Globalisierung“, beschließt er den wirtschaftliche Exkurs, „weil wir unsere guten Waren weltweit exportieren können.“ Damit das aber so bleiben könne, sei es so wichtig in Bildung und Ausbildung zu investieren. Dazu gehöre auch die berufliche Bildung, denn es sein nicht nur nötig, „zu wissen wie es geht, es muss auch einer machen können“.

          Lob für Rüttgers - gute Worte für Stoiber

          Seehofer spricht von sozialer und ethischer Verantwortung, kommt von der Sozialpolitik über die Genforschung und den Transrapid zu seiner Vorstellung einer „Beteiligungsgesellschaft“ und schließlich zur Volkspartei. „Die Union ist die erfolgreichste Volkspartei in Europa“, ruft er den Schwesterparteifreunden zu. Gemeinsam müsse man wieder mehr als vierzig Prozent holen.

          Er lobt die Politik des nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Rüttgers und findet immer wieder gute Worte für Edmund Stoiber, dessen Leistung man im Nachhinein noch schätzen werde. Seinen Abschied aus der Politik solle man „sauber und anständig gestalten“.

          Lob für von der Leyens Familienpolitik

          Er vergisst es aber nicht, seine eigenen Akzente zu setzen. Anders als Stoiber in Passau unterstützt er die Familienpolitik der Kabinettskollegin von der Leyen. Eine unsinnige Debatte werde da gerade geführt. „Es gibt Journalisten, die meinen, ich darf nicht mehr über Familien reden“, sagt er mit jenem Schmunzeln, das ihm an diesem Abend fast immer im Gesicht steht.

          Dann aber spricht er von seinen beiden Töchtern, die eben auch beides wollten: Beruf und Familie. „Wir müssen beides möglich machen, aber wir müssen auf hören, die Frauen gegeneinander auszuspielen.“

          Kein Wort über Huber

          Der Name seines CSU-Rivalen Erwin Huber fällt den ganzen Abend nicht und lange Zeit sieht es so aus, als wolle er zu dem Thema gar nichts sagen, worauf alle warteten. Dann sagt er es unvermittelt und ganz klar: „Ich werde kandidieren.“

          Er wisse auch, dass noch sieben Monate Zeit seien und er werde sich die Kräfte einteilen. Er nennt die Etiketten, die ihm angeheftet werden: „Ein Querulant, ein Störenfried und nicht teamfähig“. Zugleich vertraut er darauf, dass er soeben das Gegenteil bewiesen hat. Der Beifall bestärkt ihn. Wenn an diesem Abend in Krefeld der neue CSU-Vorsitzende gewählt worden wäre, hätte er schon gewonnen. Aber Krefeld liegt nicht in Bayern.

          Weitere Themen

          In zwei Fliegern nach Amerika Video-Seite öffnen

          Kritik an Bundesregierung : In zwei Fliegern nach Amerika

          Bundskanzlerin Angela Merkel und Ministerin Annegret Kramp-Karrenbauer fliegen fast zeitgleich an die Ostküste der Vereinigten Staaten. Sie nutzen dabei jedoch zwei getrennte Flugzeuge.

          Topmeldungen

          Länger leben : Kerle, macht’s wie die Frauen

          Von der Gleichstellung der Geschlechter profitieren auch Männer – sie sind gesünder und leben länger. Die regionalen Unterschiede, die in einer Studie sichtbar werden, überraschen.
          Viele Fragen an den Präsidenten in der Whistleblower-Affäre: Donald Trump beantwortet Reporterfragen vor dem Weißen Haus.

          Telefonat mit Selenskyj : Trumps Erpressung

          Für Donald Trump ist das Telefonat mit dem ukrainischen Präsidenten nicht verwerflich. Er sieht nichts Schlimmes darin, seine Macht zu nutzen, um politischen Konkurrenten wie Joe Biden zu schaden. Dabei beginnt der Skandal schon an anderer Stelle.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.