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Machtkampf bei der AfD : Farm der Alternative

„Lieber Bernd Lucke“, begann die E-Mail, die am Neujahrstag versendet wurde und der F.A.Z. vorliegt. „Wir sind in großer Sorge um unsere junge Partei.“ Lucke habe mit der Kreisvorsitzendenversammlung einen „Vor-Parteitag“ geplant – gegen den Willen der übrigen Vorsitzenden Petry und Adam. „Zur Vorbereitung einer doch so wichtigen Veranstaltung wünschen wir uns aber keine Alleingänge, sondern Team-Arbeit.“

„Nach Gutsherrenart“

Lucke begünstige durch sein Vorgehen solche Kritiker, die ihm eine Parteiführung „nach Gutsherrenart“ vorwerfen. Sie hielten Lucke vor, seinen Wunsch nach dem alleinigen Parteivorsitz mit „Drohungen“ durchsetzen zu wollen. Offenbar erwarteten sie, dass Lucke bei der Kreisvorsitzendenversammlung den Funktionären sagen würde, er werde nicht mehr als Parteivorsitzender kandidieren, sollte die Satzung mehr als einen Vorsitzenden vorsehen.

Das Schreiben unterstellte Lucke auch, er stehe in vielen Fragen den Grundanliegen der AfD-Basis entgegen. So habe er sich geweigert, „gegen das Gender-Mainstreaming zu agitieren“, weil das Internetlexikon „Wikipedia darunter die Gleichstellung der Geschlechter definiert – und das ja eigentlich gut sei“. Außerdem habe Lucke im Europaparlament für Sanktionen gegen Russland gestimmt und er habe vorgehabt, in einer E-Mail im November allen Parteimitgliedern den Austritt nahezulegen, die „kritisch über Zins- und Zinseszins, das Geldsystem oder eine goldgedeckte Währung, über den Einfluss amerikanischer Banken auf die Politik oder die Souveränität Deutschlands nachdächten“.

„Es geht um die Macht“

Lucke hatte offenbar das Bedürfnis gehabt, als Ökonom gewissen Vertretern von Verschwörungstheorien mitzuteilen, dass sie irrten. Der Versand des Schreibens wurde damals von den übrigen Bundesvorstandsmitgliedern verhindert – aus Sorge um einen zu hohen Verlust an Mitgliedern. Petry, Gauland und die übrigen Unterzeichner legten Lucke in ihrem Schreiben nahe, sich in Zukunft auf die Bereiche Euro-Politik und Strukturreformen in der EU zu konzentrieren.

Bei anderen Themen solle Lucke, verkürzt gesagt, lieber den Mund halten. Die Unterzeichner forderten Lucke zu einem „offenen und ehrlichen Gespräch“ auf – am 18. Januar um neun Uhr. Nur drei Stunden vor der von Lucke geplanten Kreisvorsitzendenversammlung. Man handele aus „Sorge um die Einheit der Partei“, hieß es.

Fragt man Hans-Olaf Henkel, aus welcher Sorge heraus seiner Meinung nach die Unterzeichner des Schreibens handelten, kommt eine andere Antwort. „Hier geht es um die Macht, es gibt Leute, die können sich von der Macht nicht trennen“, sagte Henkel in Anspielung auf Adam und Petry, die im Falle einer Satzungsänderung den Parteivorsitz verlieren würden.

Das Vorgehen seiner Vorstandskollegen sei „eigentlich unfassbar“ und gleichwohl „keine Überraschung“. Die gegenwärtige „Kakofonie“ sei der beste Beleg, dass eine Dreierspitze zu öffentlich ausgetragenen Streitigkeiten führe, um das zu zeigen, sei der Brief an Lucke insofern „ganz nützlich“, äußerte Henkel, der noch eine Antwort von Adam auf sein vorheriges Schreiben zu erwarten hat. Nur einer der Parteivorsitzenden schreibt gerade keine E-Mails. Lucke schweigt – gleichwohl aus einem banalen Grund. In dem Ort, in dem er derzeit Skiurlaub macht, kann er keine E-Mails empfangen.

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