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Machtkampf in der AfD : Stolz und Eiertanz

  • -Aktualisiert am

Bernd Lucke im Mai 2014 in Berlin Bild: AP

Bernd Lucke will die AfD alleine führen. Doch weil er seine Gegner nicht öffentlich schelten will, überlässt er jenen das Feld, die weniger Skrupel haben.

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          Wäre die Machtgier von Bernd Lucke so groß, wie seine Gegner im Bundesvorstand meinen, hätten diese weit weniger zu lachen als ohnehin schon. An der Parteibasis und in der Öffentlichkeit ist Lucke immer noch der Platzhirsch seiner Partei. Drei Parteivorsitzende gibt es in der AfD nur auf dem Papier, selbst der Ko-Vorsitzende Konrad Adam nennt Lucke einen „primus inter pares“. Wenn Lucke auf Parteitagen durch die Reihen geht, erheben sich die Menschen bisweilen zum Applaus. Würde er zu dem Mittel der öffentlichen Schelte greifen, um es Brandenburgs Landesvorsitzenden Alexander Gauland oder der Parteivorsitzenden Frauke Petry gleichzutun, er wäre aller Wahrscheinlichkeit nach der bessere Anheizer.

          Es liegt ein gewisser Trotz in den Versuchen von Petry und Adam, die Titel auf ihren Visitenkarten zu retten. Noch sind Adam und Petry auch Parteivorsitzende. Sie verlören diese Ämter, würde sich Lucke durchsetzen und die AfD-Satzung nur noch einen einzigen Parteivorsitzenden vorsehen. Möglicherweise würden sie zu Stellvertretern gewählt, eine Position, die sie in der Wahrnehmung der Öffentlichkeit ohnehin innehatten. Dass die Betroffenen ihre Bedeutung anders einschätzen, ist ein Resultat der Pegida-Debatte. Sie bietet Gauland, Petry und Adam ein Podium, auf das Lucke ihnen nicht folgen mochte. In den vergangenen Wochen beherrschten sie die Schlagzeilen, nicht Lucke. Es ist nicht die Fuchtel eines autoritären Vorsitzenden, der sie zu Rebellen macht, es ist ihre Stärke und Luckes temporäre Schwäche bei einem Thema, das dem Eurokritiker und Ökonomen fremd ist.

          Gauland besuchte die russische Botschaft in Berlin und die Pegida-Kundgebung in Dresden. Für liberal-konservative AfD-Mitglieder waren das Provokationen. Lucke bezeichnete den Botschaftsbesuch in einer E-Mail als „naiv“ und „Fehler“, das Vorstandsmitglied Ursula Braun-Moser fragte: „In welcher Partei bin ich denn?“ In der Öffentlichkeit aber schwiegen sie. Petry lud die Pegida-Organisatoren im Namen der sächsischen AfD-Fraktion zu einem Treffen an diesem Mittwoch ein, das mit Lucke „abgestimmt“ sei, wie es hieß. Am Dienstag warnte Lucke zwar vor einem „Schulterschluss“ mit Pegida, vermied es aber, wie so oft, Petry zu kritisieren. Genauso hatte Lucke seinen Stellvertreter Gauland gegen Kritik verteidigt, indem er sagte, er teile dessen Aussagen zu Pegida „vollkommen“.

          Lucke lässt die Nationalkonservativen in seiner Partei gewähren, um die AfD nicht zu spalten. Unter Funktionären wird ihm deshalb eine Eiertanz-Mentalität unterstellt. Er mahnt Zurückhaltung an, warnt vor Fremden- und Islamfeindlichkeit, wird von den Nationalkonservativen kritisiert, rudert zurück – und schweigt. Lucke ist wohl trotz seiner Undurchsichtigkeit kein Feind der Nationalkonservativen, aber schon seine gelegentliche Bedenkenträgerei genügt, um diesen Flügel gegen sich aufzubringen. Mit seiner Weigerung, in der Öffentlichkeit schmutzige Wäsche zu waschen, überlasst er jenen das Feld, die weniger Skrupel haben. Würde er diese Manieren ablegen, gäbe er umgekehrt das seltsame Bild eines Vorsitzenden ab, der seine eigene Partei schädigt. Das ist sein Dilemma. Je länger dieses Spiel dauert, desto mehr muss er um seine Machtbasis bangen – und mit ihm alle liberal gesinnten Mitglieder.

          Luckes Gegner sehen das alles anders. Sie begehren gegen den Führungsstil eines früheren Professors auf, der es sein ganzes Berufsleben lang gewöhnt war, Entscheidungen im Alleingang zu treffen. Petry und Gauland sagen aber auch, Lucke könne die Partei nicht alleine führen, weil die AfD dadurch an Pluralität verlöre. Dabei sind sie selbst alleinige Vorsitzende in ihren Landesverbänden, nur in Hessen, Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern und Thüringen hat die Partei noch mehrere Vorsitzende. Und die grellen Schlagzeilen, die Gauland, Petry und Adam in den vergangenen Wochen produzierten, beweisen, dass Lucke sie entweder nicht in den Schatten stellen will oder kann.

          Dass Lucke vor dem Parteitag Ende Januar alle Kreisvorsitzenden ins Gebet nehmen wollte, um sie für seine Position zu gewinnen, war ein Manöver von der lauwarmen Sorte. War das alles, was dem angeblich so großen Autokraten einfiel? Wochenlang wurde Lucke hinter den Kulissen scharf für seine Absicht kritisiert, auch auf dem Papier alleiniger Vorsitzender zu werden. Also bat er im Bundesvorstand darum, mit den Funktionären reden zu dürfen, vermied im Unterschied zu seinen Gegnern peinlichst jedes Interview und lud nicht nur alle Kreisvorsitzenden, sondern auch seine Gegner zu einer Konferenz ein.

          Als Lucke im Europaparlament für Sanktionen gegen Russland stimmte, schäumten Gauland und Petry. Der Mann verhagele ihnen den Landtagswahlkampf! Nun, da die AfD in Hamburg und Bremen um die Etablierung im Westen Deutschlands kämpft, beginnen sie einen Machtkampf. Darin besteht die Luckes Chance: Seine Gegner sind dabei, ihre Glaubwürdigkeit durch zu lautes Poltern zu verlieren. Setzt sich Lucke mit dieser Passivverteidigung durch, wird die nächste Legende gleichwohl nicht lange auf sich warten lassen. Dann sind es nämlich die Mitglieder gewesen, die ihn gerettet haben, und nicht er selbst.

          Justus Bender

          Redakteur in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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