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Machtkämpfe in der CSU : Abteilung kehrt!

Wo er sitzt, ist vorne: Der CSU-Vorsitzende Horst Seehofer im Münchener Hofbräukeller Bild: Jan Roeder

Mit unvorhersehbaren Kursänderungen hat Horst Seehofer seine Macht in der CSU gefestigt. An diesem Montag wird er seine Freundschaft mit der Kanzlerin inszenieren. Das macht vor allem seinem ärgsten Widersacher zu Schaffen.

          Wenn Bayerns Ministerpräsident in diesen Tagen von Helmut Kohl spricht, dann weiß man nicht recht, ob er nicht eigentlich sich selbst meint. Einen „politischen Giganten“ nennt Horst Seehofer den verstorbenen früheren Bundeskanzler. So nennen Seehofer auch einige in seiner Partei. Zumindest seine Fans. Kohl habe ein „unglaubliches Gespür“ für die einfachen Leute gehabt und seine Politik „lebensorientiert“ daran ausgerichtet, sagt Seehofer auch. So sieht er sich selbst ja gerne. In diesen Tagen sei es wichtig, „ein richtiges Gespür für die Befindlichkeiten der kleinen Leute“ zu haben. Seine Parteifreunde klatschen begeistert. Von draußen drückt die Hitze durch die weit geöffneten Fenster. Drinnen sitzen Männer in kurzärmligen Hemden, wischen sich den Schweiß von der Stirn und stochern in ihrem Wurstsalat.

          Alexander Haneke

          Redakteur in der Politik.

          Julian Staib

          Politischer Korrespondent für Hessen, Rheinland-Pfalz und das Saarland mit Sitz in Wiesbaden.

          Seehofer ist jedes Jahr hier auf dem Bezirksparteitag der Münchner CSU. Seit neun Jahren schon. Nach der schmerzhaften Wahl 2008, bei der die CSU die absolute Mehrheit verloren hatte, war er an die Spitze der Christsozialen gerückt und hatte die absolute Mehrheit zurückgewonnen. Nie aber war er weniger angefochten als jetzt. Seine Herausforderer sind verstummt, und der Streit mit der Schwesterpartei hat sich in Wohlgefallen aufgelöst. „Der Sieg ist dort, wo Eintracht herrscht“, fasst Seehofer das neue Kredo auf der Münchner Parteiveranstaltung zusammen. Und wiederholt es gleich noch mal, als sollten es alle auswendig lernen.

          In Jeans und wildledernen Freizeitschuhen

          Wenn Angela Merkel an diesem Montag zur Klausurtagung der CSU-Landesgruppe ins Kloster Banz kommt, wird die herrschaftliche Anlage den Rahmen für ein Bild der Harmonie abgeben. Vor zwei Jahren wäre das undenkbar gewesen. Damals, auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise, hatte die CSU den ungarischen Ministerpräsidenten und scharfen Kritiker von Merkels Flüchtlingspolitik Viktor Orbán nach Banz geladen. Dort warf Orbán Merkel einen moralischen Imperialismus vor – und Seehofer nannte ihn den „lieben Viktor“. Es war die Zeit, als es von der CSU-Basis stets hieß, Merkel zu plakatieren sei unvorstellbar. Als Seehofer Merkels Flüchtlingspolitik eine „Herrschaft des Unrechts“ nannte. Und als der bayerische Finanzminister und selbsterklärte Nachfolger Markus Söder stets noch schärfere Töne gegen die Kanzlerin fand und Seehofer so vor sich hertrieb.

          Gerade rechtzeitig vor der Bundestagswahl ist die Harmonie zurückgekehrt. Und wer dieses, Seehofers Kunststück verstehen will, kann sich mit Seehofer und Söder in die Niederungen der Basisarbeit begeben.

          Beide treten gleichzeitig auf, aber weit weg voneinander. Der eine in München, der andere in Nürnberg. Söder sitzt in einem kleinen holzvertäfelten Seitenraum einer schlichten Hotelgaststätte im Nürnberger Süden. Der CSU-Ortsverein Fischbach hält hier seine Hauptverhandlung ab. Im nächsten Jahr stehen wieder Landtagswahlen an. Für die Aufstellung in den beiden hiesigen Wahlkreisen müssen die Delegierten bestimmt werden. Söder soll den Kreis übernehmen. Er stammt aus Nürnberg und wohnt nun in der Gegend. Reihenhäuser, akkurat gepflegte Hecken, sicheres CSU-Land. Gut 20 Parteimitglieder haben sich an diesem heißen Sommerabend in dem dunklen Saal eingefunden, um ihren Minister zu sehen. Der tritt in Jeans und wildledernen Freizeitschuhen auf. Jeder im Raum wird mit Handschlag begrüßt. Söder beginnt sein Grußwort mit einer kurzen Auflistung der Segnungen, die er seiner Heimatregion als bayerischer Finanzminister angedeihen ließ. Doch dann wird seine Stimme ernst: „Seien wir ehrlich: Hätten wir uns hier im Januar getroffen, wäre die Stimmung eine andere gewesen.“ Es klingt wie eine Mahnung. Die Mitglieder nicken bedächtig, einer räuspert sich.

          Höchste Zeit für eine Versöhnung

          Die Flüchtlingskrise war Söders Zeit. Stets fand er die schärfsten Töne, trieb Merkel und auch Seehofer vor sich her. Das galt auch noch im Januar. Als Seehofer dann plötzlich die Kehrtwende ausgab, schoss Söder weiter. Plötzlich aber war er allein. Mittlerweile ist er öffentlich beinahe verstummt. In Nürnberg versucht Söder die Kehrtwende zu erläutern. Spricht über „die guten Gründe“, weshalb „wir den Weg wieder gemeinsam gehen“: die Flüchtlingspolitik, auf der die CDU sich von der CSU auf den richtigen Weg führen ließ. Doch schnell hakt er das Thema ab, spricht lieber über den SPD-Kanzlerkandidaten Martin Schulz, „der seinen Gegner wegfoult, wenn er nicht mehr erfolgreich spielt“, und über die große Weltpolitik. Denn in Zeiten, in denen allerorten Kriege drohen und „wo selbst alte Freunde seltsam werden“, wünschten sich die Menschen nichts sehnlicher als Stabilität. „Und ich glaube“, sagt Söder dann, „die Bundeskanzlerin ist ein Anker der Stabilität in dieser Welt.“

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