https://www.faz.net/-gpf-9tf2v

Hannovers neuer OB Belit Onay : Einer für den Norden

Grünen-Party: Belit Onay freut sich mit seiner Frau Derya und dem Bundesvorsitzenden Robert Habeck über die gewonnene Oberbürgermeisterwahl in Hannover. Bild: dpa

Das rote Hannover wird künftig von einem Grünen regiert. Für die Partei ist das wichtig. Die Öffentlichkeit interessierte sich mehr für Belit Onays Herkunft.

          3 Min.

          Es ist Donnerstagabend, Belit Onay hat schon mit dem Ausräumen begonnen, aber jetzt sitzt er noch einmal in seinem beengten Landtagsbüro. In der kommenden Woche wird er in einen großen Raum mit wuchtigem historischen Mobiliar umziehen. Der 38 Jahre alte Politiker der Grünen hat am vergangenen Sonntag die Stichwahl um das Amt des Oberbürgermeisters in Hannover gewonnen.

          Reinhard Bingener

          Politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.

          Die Entscheidung war aus mehreren Gründen bemerkenswert: Für die Hannoveraner bedeutet der Sieg Onays, dass das „rote Hannover“ nach 73 Jahren nun Vergangenheit ist. Für die Grünen könnte er den Durchbruch im Norden Deutschlands einläuten, nachdem sie bisher nur Großstädte im Südwesten Deutschlands erobern konnten. Diese beide Aspekte rückten am Tag seiner Wahl jedoch in den Hintergrund, und alle Aufmerksamkeit richtete sich darauf, dass Belit Onay der erste türkischstämmiger Deutsche ist, der Oberbürgermeister einer Großstadt wird.

          Im Wahlkampf hatte das fast noch keine Rolle gespielt. Am Wahlabend allerdings wurde Belit Onay schlagartig zu einer Projektionsfläche. Die einen sahen ihn als Vorreiter einer Gesellschaft, in der alle Bürger unabhängig von ihrer Herkunft, ihrer Religion, ihres Aussehens und dem Klang ihres Namens dieselben Chancen haben. Für die anderen ist sein Erfolg ein Menetekel der bevorstehenden Islamisierung und Überfremdung Deutschlands, die von Großstädten wie Hannover ihren Ausgang nehme. Solche Ängste wurden in den sozialen Netzen und von Online-Medien gezielt geschürt. Fotos von Onay neben einer Frau mit Kopftuch wurden instrumentalisiert, Bilder von angeblichen Autokorsos mit türkischen Flaggen verbreitet.

          Anfeindungen ausschließlich durch das Internet

          Belit Onay sitzt auf seinem Bürostuhl und sagt: „Ich habe mir schon so etwas gedacht, aber nicht so einen krassen Shitstorm.“ Die Anfeindungen und Ressentiments seien ausschließlich über das Internet auf ihn eingeprasselt. „Auf der Straße, an der Ampel, in der Bahn war es völlig anders.“ Die Unterstellung, Onay sei ein verkappter Islamist, ist abwegig. Er wurde ebenso wie seine Frau in Deutschland geboren. Seine Eltern stammen aus dem eher westlich-liberal orientierten Istanbul und kamen in den siebziger Jahren als Arbeiter für das Gastgewerbe nach Goslar. Später wurde der Vater selbst zum Gastronomen. Onay sagt, seine Eltern hätten Wert darauf gelegt, dass er gut Türkisch spreche, ihn aber zugleich auf einen katholischen Kindergarten geschickt und an dessen Osterfeiern teilgenommen. Die Mischung der Identitäten sollte zu einem Lebensthema des Sohnes werden. Onay bezeichnet sich heute als „liberalen Muslim“. Der Islam gebe ihm „seelischen Halt“, er sei aber eher weltlich orientiert und Religion sei für ihn generell „Privatsache“.

          Auch beim Grünen-Parteitag in Bielefeld ein gern Gesehener: Belit Onay

          Zu den prägenden Erfahrungen in Onays Jugend zählen die ausländerfeindlichen Angriffe Anfang der neunziger Jahre. Nach dem Mord an fünf Türken in Solingen dachte die Familie über eine Rückkehr in die Heimat nach. Onay sagt, dass er durch die damaligen Debatten politisiert worden sei, denn zuvor sei Herkunft im ländlichen Niedersachsen gar kein großes Thema gewesen.

          Sprinter – der politische Newsletter der F.A.Z.
          Sprinter – der Newsletter der F.A.Z. am Morgen

          Starten Sie den Tag mit diesem Überblick über die wichtigsten Themen. Eingeordnet und kommentiert von unseren Autoren.

          Mehr erfahren

          Onay gelangte als junger Mann allerdings nicht direkt zu den Grünen. Zunächst war er angetan von dem ebenfalls aus Goslar stammenden Sigmar Gabriel und für einige Jahre in der SPD. Später wurde er Vertreter des CDU-nahen Rings Christlich-Demokratischer Studenten. Bei den Grünen war Onay zunächst Mitarbeiter der Landtagsabgeordneten und heutigen Bundestagsabgeordneten Filiz Polat. In seinem Büro hängt noch eine Zeichnung, die einst Polat dort aufgehängt hat. Die Karikatur zeigt die Evolution einer Burka-Trägerin zu einer Frau mit kurzem Rock.

          Im Jahr 2013 wurde Onay dann selbst Landtagsabgeordneter, damals war er 32 Jahre alt. Eine klassische Politikerlaufbahn: Kreißsaal, Hörsaal, Plenarsaal. Dieser Aspekt seines Lebenslaufs wird in Hannover durchaus kritisch gesehen. Onays Mitbewerber verfügten beide über deutlich mehr Berufserfahrung. Der SPD-Kandidat war langjähriger Kämmerer, der CDU-Kandidat erfolgreicher Manager bei Volkswagen.

          „Mein Ziel ist eine agile Verwaltung und der Abbau von Hierarchien“

          Onay nimmt die Vorbehalte wegen seiner fehlenden Erfahrung ernst, hält sie aber für unberechtigt. Als Landtagsabgeordneter sei er sechs Jahre für innenpolitische Themen zuständig gewesen und kenne daher die verschachtelten Zuständigkeiten und behördlichen Abläufe recht genau, sagt er. Prophezeiungen, dass ihm das Durchsetzungsvermögen fehle, um der trägen Stadtverwaltung Beine zu machen, weist Onay zurück. „Den Handlungsbedarf sehe nicht nur ich, sondern sogar die Verwaltung selbst“, sagt er. „Mein Ziel ist eine agile Verwaltung und der Abbau von Hierarchien.“

          Nach seiner Vereidigung am Freitag möchte Onay sich auch gleich an die Verwirklichung seiner weiteren Wahlversprechen machen: Die Obdachlosen in der Stadt sollen bereits in diesem Winter besser versorgt werden. Mehr günstiger Wohnraum soll geschaffen werden. Außerdem hat er versprochen, die Innenstadt Hannovers bis 2030 autofrei zu gestalten. Am Erfolg der letzten beide Punkte wird sich Onay wohl langfristig messen müssen. Am bestehenden Ampel-Bündnis im Stadtrat möchte er festhalten und seinen Zielen mit Pragmatismus, Dialog und einer gewinnenden Mischung aus Lockerheit und Höflichkeit näher kommen.

          Ob Onay seine Ziele gegen die Beharrungskräfte in der Stadt durchsetzen wird, muss sich jedoch erst erweisen. Die SPD sinnt auf Revanche und verfügt weiterhin über ein weitverzweigtes Netz in den Behörden. Und auch die Grünen sind längst eingemeindet worden in das Trutzbündnis der Personalräte, gegen die in der Stadtverwaltung wohl nur wenig läuft.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Bildungsministerin Karliczek : Die Unterfliegerin

          Bildungsministerin Anja Karliczek gilt als ungeschickt, die Länder wollen sie in der Debatte um Bildungszusammenarbeit sogar ausbooten. Sie macht trotzdem weiter. Ein Porträt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.