https://www.faz.net/-gpf-6zg6y

„Luther-Botschafterin“ : Margot Käßmanns Thesenanschlag

Anspruchsvolle Aufgabe: Als „Luther-Botschafterin“ soll Frau Käßmann das Bild Luthers nachzeichnen Bilderstrecke

Als „Luther-Botschafterin“ steht Frau Käßmann vor der anspruchsvollen Aufgabe, das Bild eines Mannes zu zeichnen, der in den vergangenen 500 Jahren in den unterschiedlichsten Farben gezeichnet worden ist. Den einen galt er als Vater der Moderne, der das Joch der Autokratie abgeschüttelt habe, für die anderen war er nur ein Fürstenknecht. 1917 wurde Luther als Heros der Deutschen beschworen, und kaum drei Jahrzehnte später als hässliche Fratze teutonischen Ungeists und Vorläufer Hitlers verfemt. Vielfältiger als bei Luther können die Deutungsmöglichkeiten einer Person kaum sein. Die EKD selbst hat ihr Lutherbild für das Jahr 2017 bisher allenfalls vage umrissen. Zwar hatte der Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider im November vor der Synode angekündigt, man werde der neuen Luther-Botschafterin „möglichst klar und präzise sagen, was sie tun und sagen soll“. Diese Ankündigung allerdings ist bisher nicht eingelöst worden.

Margot Käßmann dürfte kraft ihres Charismas freilich so oder so in ganz erheblichem Maße selbst darüber bestimmen, welche Züge Luther 2017 trägt. Im evangelischen Magazin „Zeitzeichen“ hat sie vor einigen Wochen ihre Sicht auf Luther dargelegt. Unter dem Titel „Trotz allem ein Vorbild“ referiert sie darin vor allem die Unzulänglichkeiten des Reformators: seinen Judenhass, seine Bejahung der Niederschlagung des Bauernaufstandes, seine Haltung gegenüber Frauen.

Nicht nur historisch Spitzfindige dürften sich bei der Lektüre allerdings gefragt haben, ob man den abstoßenden, in den späten Lebensjahren Luthers geradezu magisch imprägnierten Antijudaismus des Reformators auf gleicher Ebene mit seinem für die damalige Zeit ziemlich gewöhnlichen Verhältnis zu Frauen verhandeln sollte. Auch hätte der ein oder andere von der EKD-Botschafterin sicher gern gewusst, wie Luther den zu seiner Zeit in Europa einfallenden Türken mit „Verständnis, Neugier, Entgegenkommen, Respekt“ hätte begegnen sollen.

Ich-Botschaften als feste Formeln

Allerdings entsprechen die Distanzierungen von Luther, die Frau Käßmann vornimmt, genau dem, was auch die EKD seit Beginn der Reformationsdekade im Jahr 2008 geäußert hat. Die Kirche ist auf diesem Gebiet aus Schaden klug geworden, nachdem sie sich in der Vergangenheit nicht nur einmal Belehrungen gefallen lassen musste, sie verfahre zu unkritisch mit Luther, wenn sie vor allem seine Einsichten auf religiösem Gebiet hervorhebt.

Doch sehen die maßgeblichen EKD-Verantwortlichen auch selbst, dass sich die Defizite inzwischen andersherum verteilen. Es mangele nicht an der Fähigkeit zur Selbstkorrektur, sondern an Überzeugungskraft auf religiösem Gebiet. In dieser Hinsicht allerdings bietet Margot Käßmann bisher kaum etwas, was über die ausgetretenen Formelpfade hinausführt. Mit der „Lebenszusage Gottes“, die man sich nicht verdienen könne, und dem „aufrechten Gang in Verantwortung vor Gott und den Menschen“ intoniert Frau Käßmann in Sachen Luther lediglich den landauf, landab verwendeten Kanzelton.

Einen ureigenen Akzent setzt die EKD-Botschafterin hingegen, wenn sie schreibt, dass auch „wer es heute wagt, gegen den Mainstream anzutreten, kritische Fragen zu stellen und unbequem zu argumentieren... Widerstand ernten“ werde. Das Wort „wer“ in dem Satz kann man umstandslos durch „Margot Käßmann“ ersetzen, denn es sind die mittlerweile zu festen Formeln geronnenen Ich-Botschaften der „Nichts ist gut in Afghanistan“-Debatte, die Margot Käßmann so für das Jahr 2017 und Luthers „Hier stehe ich und kann nicht anders“-Pathos anschlussfähig macht. Der „Widerstand“ des „Mainstreams“ gegen solch mutige Bezugnahmen hält sich bislang freilich in Grenzen - vor einigen Wochen wurde eine Predigt Margot Käßmanns in Hannover von Applaus unterbrochen.

Weitere Themen

Topmeldungen

Eskalation in Hongkong : Jagdszenen auf dem Campus

Die Universitäten in Hongkong geraten zum Kampfgebiet. Das stellt die Hochschulleitungen vor eine Zerreißprobe. Sollen sie sich hinter ihre Studenten stellen? Oder auf die Seite der Polizei?

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.