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Koran-Verteilaktion : Franchise-System der Salafisten

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Kontroverse Praktik: Koran-Verteilaktionen in deutschen Fußgängerzonen. Bild: epd-bild

Die Koran-Verteilung in den deutschen Fußgängerzonen ist eine kontroverse Praktik. Vor allem aber ist sie ein lukratives Geschäft.

          5 Min.

          Yusuf T. ist erst 16. Bevor er Mitte April gemeinsam mit seinem ebenso alten Freund Mohamed B. am Tempel der Sikh-Glaubensgemeinschaft in Essen eine Bombe zündete, hatte er schon eine längere Phase der Radikalisierung hinter sich. In seiner Schule fiel Yusuf T. auf, weil er Schiiten zu Todfeinden erklärte und einer jüdischen Klassenkameradin drohte, ihr das Genick zu brechen. Andere Schülerinnen bespuckte er, er äußerte unverhohlen seine Bewunderung für die Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) und verherrlichte die Anschläge in Paris. Eine wichtige Rolle bei der Fixierung des Jugendlichen auf den angeblich unverfälschten und „einzig wahren“ Islam soll ein selbsternannter salafistischer Imam in Duisburg gespielt haben. Zudem nahm Yusuf T. immer wieder in Fußgängerzonen an Koran-Verteilaktionen teil.

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Schon seit 2012 verteilen junge bärtige Männer in weißen Jacken in vielen großen deutschen Städten unter dem Motto „Lies! Im Namen deines Herrn, der dich erschaffen hat“ kostenlos Koran-Übersetzungen. Angeblich wollen die Männer den Koran unter die Leute bringen, damit sich jeder eine eigene Meinung über den Islam bilden kann. Sie berufen sich auf die im Grundgesetz garantierte Religionsfreiheit. Doch nach Einschätzung des Bundesamts für Verfassungsschutz ist die Missionierungsarbeit nur ein „Deckmantel“. Ziel der „Lies“-Aktivisten sei, ihre „salafistische Ideologie zu propagieren, die geeignet ist, eine islamistische Radikalisierung anzustoßen oder voranzutreiben“, heißt es im neuesten Bericht des Bundesamts.

          Auch die Sicherheitsbehörden der Bundesländer beobachten die Koran-Verteilaktionen intensiv. Denn in ihrem Rahmen ist es Salafisten schon dutzendfach gelungen, junge Leute weiter zu radikalisieren: Mehrere ehemalige Koran-Verteiler sind mittlerweile nach Syrien oder den Irak in den „Heiligen Krieg“ gereist. Erst im April wurden in Ulm drei Terrorverdächtige festgenommen, die im Rahmen mehrerer „Lies“-Aktionen Geld gesammelt haben sollen, um sich dem IS anschließen zu können.

          „Lies!“

          Hinter der Koranverteilaktion „Lies!“ steht eine salafistische Vereinigung mit dem Namen „Die wahre Religion“ (DWR). Ihr Kopf ist Ibrahim Abou-Nagie, ein in Köln lebender selbsternannter Prediger. Abou-Nagie kam 1964 in einem palästinensischen Flüchtlingslager zur Welt, mit 18 ging er nach Deutschland und begann ein Studium der Elektrotechnik, das er aber nicht abschloss. Mit einem kleinen Unternehmen scheiterte Abou-Nagie, bezog dann Hartz IV und widmet sich seither ganz der islamistischen Missionsarbeit. Kernelement seiner Ideologie ist die Einteilung der Welt in Muslime und „Kuffar“ (Ungläubige). Dem Prediger gelingt es, mit seinen einfachen salafistischen Botschaften vor allem junge Leute mit ausländischen Wurzeln anzusprechen, die sich von der deutschen Mehrheitsgesellschaft ausgeschlossen fühlen und auf der Suche nach Sinn und Orientierung sind.

          Die „Lies“-Aktion ist nach Einschätzung des nordrhein-westfälischen Verfassungsschutzes „das derzeit mitgliederstärkste Netzwerk im Bereich des extremistischen Salafismus“. Allein im bevölkerungsreichsten Bundesland hat es im vergangenen Jahr 350 Koranverteilungen gegeben. Nach Angaben des Bundesamts für Verfassungsschutz hat „Lies!“ in Deutschland bisher etwa drei Millionen Koran-Ausgaben verteilt. Auch in anderen europäischen Ländern ist die Aktion des Predigers mittlerweile aktiv. Nach Einschätzung des nordrhein-westfälischen Verfassungsschutzes geht es den „Lies“-

          Akteuren vorrangig darum, mediale oder behördliche Reaktionen zu provozieren und die Bindung bereits affiner Anhänger zu vertiefen. „Nach Selbstwahrnehmung und Darstellung von Salafisten geht es beim Umgang der Behörden und der deutschen Öffentlichkeit mit dem Salafismus um eine vermeintliche Verfolgung aller Muslime in Deutschland. Das sei ein Teil des globalen Krieges ‚des Westens‘ gegen ‚den Islam‘.“ Kritik an seiner Person oder seiner „Lies“-Aktion deutet Abou-Nagie in seinen Videobotschaften kurzerhand zur Hetze „Ungläubiger“ oder „zionistischer Medien“ gegen den Islam um.

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