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Lufthansa : Billig will gekonnt sein

Bedrohte Art: Die Fluglinie mit dem Kranich muss sich schnell etwas einfallen lassen, wenn sie im Wettbewerb bestehen will Bild: Röth, Frank

Die Deutsche Lufthansa durchlebt turbulente Zeiten. Billigfluganbieter und finanzstarke Konkurrenten aus der Golfregion machen es dem Konzern schwer. Das alte Geschäftsmodell trägt nicht mehr, grundlegende Reformen sind unumgänglich.

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          Für flotte Sprüche ist Michael O’Leary immer gut. Und am liebsten hat es der Chef der irischen Fluggesellschaft Ryanair, wenn er mit ihnen Deutsche Lufthansa oder British Airways öffentlich vorführen kann. „In wenigen Jahren werden wir British Airways aus Europa verdrängt und die Lufthansa überflügelt haben“, dröhnte er, als er Anfang 2002 150 Passagierflugzeuge für rund 6,5 Milliarden Euro beim Flugzeughersteller Boeing bestellte.

          Ulrich Friese

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Aus heutiger Sicht, also ein gutes Jahrzehnt später, haben sich einige Prognosen des Branchenschrecks aus Dublin erfüllt: British Airways, die Ryanair Ende der neunziger Jahre noch mit dem eigenen Billigfluganbieter Go vom Markt fegen wollte, ist mit diesem Projekt gescheitert. Die Briten haben Go inzwischen mit hohen Verlusten verkauft und sich aus dem Europaverkehr weitgehend zurückgezogen. Sie konzentrieren sich von ihrer Heimatbasis in London-Heathrow aus auf das lukrative Langstreckengeschäft nach Nordamerika und Asien. Seitdem haben Preisbrecher wie Ryanair oder Easyjet auf den wichtigen Märkten des europäischen Kontinents nahezu freie Bahn.

          Geschäftslage im Europa-Verkehr verschlechert sich weiter

          „Britische Zustände“, wie es ein Lufthansa-Manager süffisant umschreibt, herrschen beim langjährigen Vorzeigeunternehmen der deutschen Industrie zwar noch nicht. Doch gleichwohl ist der Siegeszug der Billigfluganbieter für die traditionsreiche Fluggesellschaft in Deutschland eine Bedrohung. Die Lufthansa könne ernsthaft Schaden nehmen, warnen Fachleute, wenn es ihr nicht gelinge, die Folgen des Umbruchs in der Luftfahrt aus eigener Kraft zu bewältigen.

          „Wir verdienen im laufenden Geschäft unsere Kosten nicht mehr“, schrieb der Vorstandsvorsitzende Christoph Franz an die Lufthansa-Mitarbeiter. Dieser Alarmruf erging bereits Mitte 2009 - nur wenige Wochen nachdem er auf den Chefsessel in der Frankfurter Zentrale gerückt war. In den Jahren zuvor hatte der 52 Jahre alte Franz in Zürich residiert, wo er die einst in Konkurs befindliche Schweizer Marken-Ikone Swiss vor dem Untergang bewahrte, strategisch neu ausrichtete und schließlich unter das Dach des Lufthansa-Konzerns brachte.

          Unter Druck: Lufthansa-Chef Christoph Franz

          Franz’ damalige Analyse der Lufthansa war schonungslos. Er hielt seinem neuen Arbeitgeber vor, die Erfolge der Preisbrecher über viele Jahre hinweg unterschätzt zu haben. Diese erbrächten ihre Leistungen - dank Einsparungen beim Personal und Ticketverkauf im Internet - deutlich günstiger und könnten so mit niedrigeren Preisen „wichtige Kunden von uns abwerben“. In dem Segment von Ryanair und Easyjet mischt seit längerem auch die Lufthansa-Tochtergesellschaft Germanwings mit. Doch der Billigfluganbieter war mit einer Flotte von nur dreißig Flugzeugen zu klein, um mit den Rivalen mithalten zu können.

          Die Geschäftslage im ohnehin chronisch defizitären Europa-Verkehr hat sich weiter verschlechtert. Seit Jahren fallen in jenem Bereich der Kurz- und Mittelstreckenflüge, auf denen die Lufthansa ihren „Zubringerverkehr“ für ihre Heimatbasen in Frankfurt und München abwickelt, Verluste in dreistelliger Millionenhöhe an. Um die Probleme dort endlich in den Griff zu bekommen, kündigte der Lufthansa-Chef in seinem Brandbrief an die Mitarbeiter an: „Wir werden an manchen Stellen im Konzern unser bisheriges Geschäftsmodell überdenken und ändern müssen.“

          Gleichgewicht droht zu kippen

          Dabei sind die Billigfluganbieter in Europa, die der Lufthansa auf Kurz- und Mittelstrecken immer mehr Kunden und Marktanteile abjagen, keineswegs die einzige Bedrohung für das überlieferte Geschäftsmodell. Längst dringen auch staatlich geförderte Anbieter aus der Golfregion wie Emirates oder Etihad Airways sowie der aufstrebende Rivale Turkish Airlines auf das angestammte Terrain der Lufthansa vor. Mit einer Mischung aus gehobenem Bordkomfort und Tiefpreisen machen sie ihr deren langjährige Vormachtstellung im einträglichen Langstreckengeschäft streitig.

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