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Lügendebatte : Wo, zum Teufel, gehts hier zur Wahrheit?

  • -Aktualisiert am

Chef des mächtigsten Netzwerkes der Welt: Mark Zuckerberg, hier im Juli in Yuma, Arizona, beim ersten Testflug von „Aquila“, einem unbemannten Flugzeug, das von Facebook entworfen wurde. Bild: dpa

Die Debatte könnte grundsätzlicher kaum sein: Wer entscheidet über Wahrheit und Unwahrheit im Internet? Muss Facebook seine Nutzer zensieren?

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          Was als Grummeln der Unterlegenen nach der amerikanischen Wahl begann, beschäftigt immer mehr Nutzer der sozialen Medien, spaltet die Belegschaft von Facebook und weitet sich zu einer der grundlegendsten Diskussionen um die digitale Kommunikationssphäre aus. Gibt es eine Verantwortung der großen Online-Plattformen, nicht nur über die Einhaltung des Strafrechts zu wachen, sondern den Daumen zu heben oder zu senken über legale, aber die Wirklichkeit verzerrende oder verfälschende Inhalte, die ihre Nutzer veröffentlicht, geliked oder geteilt haben? Sollte etwa die Breitbart-Seite, die sich im Wahlkampf als Propagandamaschine erster Güte geriert hat, von den Algorithmen Facebooks und Googles gegenüber der New York Times herabgestuft werden? Kurzum: Sollten Facebook, Google, Twitter und andere die Inhalte ihrer Nutzer durch einen gigantischen globalen Wahrheitsfilter pressen?

          Der Begriff der Wahrheit beschäftigt Philosophen, Dichter, kurzum die ganze Menschheit seit Jahrtausenden. Doch kann es sein, dass die ewige Suche nach dem Wahren in der Welt der Plattformen und Codes nichts zu suchen hat? Noch nie standen den Menschen so machtvolle Technologien zur Verfügung, um sich zu informieren und zu kommunizieren. Doch selten war die Verwirrung so groß. Während die ersten großen Plattformen des Internetzeitalters, die Suchmaschinen, den Nutzern noch möglichst treffende Antworten auf die großen und kleinen Fragen des Lebens liefern wollten, wird das Netz seit einiger Zeit von anderen Mechanismen geprägt: von Kommunikationsnetzwerken, deren Zweck nicht Informationsbeschaffung ist, sondern Emotionsverschaffung. Wer Facebook mit einem Auftrag für Aufklärung, Bildung oder gar Wahrheitsfindung versehen will, hat das Wesen des Netzwerkes verkannt, ja, er würde es vermutlich sogar zerstören.

          Der Erfolg von Facebook und anderer sozialer Netzwerke liegt in seiner bedingungslosen Konfiguration auf die Bedürfnisse und die Psyche der Nutzer hin. Mark Zuckerbergs Urversprechen ist es, ihnen all das zu liefern, was sie als relevant für sich empfinden. Nicht weniger, aber auch nicht mehr. Sein Werk ist das Gegenteil von Journalismus, es ist eine Software, die einen wahren Kult der Subjektivität betreibt, eine nie dagewesene Personalisierung der Weltsicht. Bei Facebook ging es noch nie um Aufklärung oder Wahrheit, für Zuckerberg offensichtlich irrelevante Kategorien, sondern um Identifikation, um Zugehörigkeit, um die Wärme vermeintlicher Freundschaften.

          Der Unterschied zu den knorrigen Verlagsgründern des vergangenen Jahrhunderts, die ihre Leistung noch primär als ein großes „Unternehmen Aufklärung“ verstanden, könnte kaum größer sein. Auch klassische Medien beeinflussen ihre Leser und damit deren politische Entscheidungen, etwa durch als solche gekennzeichnete Kommentare und Meinungsbeiträge, mit denen Nachrichten und Berichte ergänzt werden. Doch Facebook wollte nie Redaktion sein, sondern eine Technologie der Erregung.

          Hauptsache Wahrheit? Mit diesem Anspruch ist Mark Zuckerberg mit seinem Netzwerk Facebook aus gutem Grund nie angetreten.

          Der historische Zufall wollte es so, dass Facebook ausgerechnet in einer Zeit erfunden und entwickelt wurde, in der Enttäuschung, Zorn und Wut dramatisch anstiegen. Durch die Mechanismen der Netzwerke werden, das haben etliche Untersuchungen ergeben, extreme Ansichten verstärkt, gedämpfte Stimmen der Vernunft eher abgewürgt. Historiker werden schon bald darüber streiten, ob Facebook die Wut in die Gesellschaften des frühen 21. Jahrhunderts getragen hat – oder die Gesellschaften die Wut in Facebook.

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