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Vernehmungsvideo wird gezeigt : Stephan E. im Lübcke-Prozess: „Ich hab’ Hass bekommen“

Stephan E. im Oberlandesgericht Frankfurt . Bild: Reuters

Im Lübcke-Prozess wird die Videoaufzeichnung abgespielt, in der Stephan E. seine Tat schilderte. Im Saal verfolgt er die Aufnahme starr.

          5 Min.

          In rotem T-Shirt sitzt Stephan E. vor den Vernehmungsbeamten, die Hände hat er gefaltet vor sich auf den Tisch gelegt. „Ich war fassungslos, richtig emotional aufgeladen“, sagt er. Nach der Bürgerversammlung hätten sie beschlossen, „dass man was machen muss“, sagt E. über sich und Markus H., seinen Freund aus der rechtsextremen Kameradschaftsszene.

          Marlene Grunert
          Redakteurin in der Politik.

          Es ist der zweite Verhandlungstag im Prozess um den Mord an Walter Lübcke. In Saal 165 C des Oberlandesgerichts Frankfurt ist eine Leinwand heruntergefahren, gezeigt wird ein für das Verfahren entscheidendes Video: Die erste ausführliche Vernehmung des Hauptangeklagten E., dem die Bundesanwaltschaft vorwirft, den Kasseler Regierungspräsidenten in der Nacht zum 2. Juni 2019 heimtückisch und aus niederen Beweggründen ermordet zu haben. Laut Anklage handelte E. aus „rechtsextremem Hass“. Markus H. soll Beihilfe zu dem Mord geleistet haben.

          In dem Video vom 25. Juni des vergangenen Jahres ist ein Mann zu sehen und zu hören, der von rechtsextremistischer Ideologie durchdrungen ist. Der laut eigenen Angaben seit 2010 versuchte, die rechtsextreme Szene zu verlassen, um „als Teil der Gesellschaft“ ein bürgerliches Leben zu führen. Den die rassistische Ideologie aber nie losließ; spätestens 2013 sei diese „Tür wieder offen“ gewesen. Seit der Flüchtlingskrise 2015, als Deutschland „von Ausländern überflutet worden sei“, begann E., sich zu bewaffnen, um sich, so schildert er es, im Falle eines „Bürgerkrieges schützen zu können“.

          Die Bürgerversammlung, die im Herbst 2015 in Lohfelden stattfand, bezeichnet E. in dem vier Stunden dauernden Video als ein „Schlüsselerlebnis“. Walter Lübcke kündigte damals die Errichtung einer Flüchtlingsunterkunft an. Als ihm aus dem Publikum Widerstand entgegenschlug, verteidigte er die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung mit den Worten: „Es lohnt sich, in diesem Land zu leben. Da muss man für Werte eintreten, und wer diese Werte nicht vertritt, der kann jederzeit dieses Land verlassen, wenn er nicht einverstanden ist. Das ist die Freiheit eines jeden Deutschen.“

          „Das hat mich nicht mehr losgelassen“

          Ab diesem Moment habe er Walter Lübcke „auf dem Schirm“ gehabt, sagt E. „Ich hab' Hass bekommen.“ Was genau man habe unternehmen wollen, sei ihm und H. zu diesem Zeitpunkt nicht klar gewesen, nur dass man etwas tun müsse: Das Wohnhaus von Lübcke mal beschmieren, oder „eine Gewalttat“ begehen. „Die Sache“ habe angefangen, in ihm zu arbeiten. „Das hat mich nicht mehr losgelassen“, sagt E. Schon kurz nach der Versammlung habe er Lübckes Adresse recherchiert. Er spricht ruhig, wirkt konzentriert und macht äußerst detaillierte Angaben. Es wirkt weder so, als sei E. sediert, noch so, als stünde er unter äußerem Druck, wie seine Verteidiger später sagen werden.

          Die Silvesternacht in Köln schildert E. als weiteres „Schlüsselereignis“. Er sei „außer sich gewesen“, „völlig aufgebracht“, sagt selbst, sich in eine Vorstellung von Kontrollverlust „reingesteigert“ zu haben. Schreiend sei er durch die Straßen gezogen und habe Wahlplakate der SPD und der Grünen abgerissen.

          Dann spricht E. über den Terroranschlag in Nizza im Juli 2016. Er stockt, bricht in Tränen aus. „Ich hätte es nicht tun dürfen.“ Im Saal verfolgt E. die Aufnahme starr. Während einer früheren Sequenz des Videos, in der er weinend über seine Kinder sprach, fing E. auch am Donnerstag an zu weinen, legte den Kopf auf die Arme, griff zu Taschentüchern. Nun bleibt er regungslos. „Spätestens da habe ich den Entschluss gefasst, dem Herrn Lübcke was anzutun“, sagt er im Video. Die Angehörigen Walter Lübckes, seine Frau und Söhne, starren auf die Leinwand.

          E. schildert weiter, wie er zum ersten Mal zum Wohnort der Familie fuhr. Seinen „Caddy“ habe er an einem Kindergarten abgestellt und sich das Haus erstmals angesehen. Dann sei er mit dem Gedanken wieder zurück: „Man sollte ihn erschießen.“ Stephan E. spricht von einem „Ding, was mich nicht mehr losgelassen hat, wie eine manische Sache“. Er habe seine „Batterie immer wieder aufgeladen“, indem er sich Videos von Terroranschlägen angesehen habe. In Walter Lübcke habe er jemanden gesehen, der für diese Anschläge „mitverantwortlich“ gewesen sei.

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