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Lübcke-Prozess : „Voller Hass“

  • -Aktualisiert am

Der des Mordes an dem Politiker Walter Lübcke mit angeklagte Markus H. spricht mit seiner Verteidigerin Nicole Schneiders (Archivbild vom 27. August) Bild: dpa

Im Prozess um den gewaltsamen Tod des Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke haben zwei Mithäftlinge von Markus H. ausgesagt. Einem soll H. anvertraut haben, er sei „Arier“ und „Rechtsextremist“.

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          Es war Neumond in jener Nacht, als der Kassler Regierungspräsident Walter Lübcke ermordet wurde. Entsprechend dunkel sind die Aufnahmen, die im Oberlandesgericht Frankfurt im Prozess gegen den mutmaßlichen Mörder Lübckes sowie seinen Mittäter am Donnerstag gezeigt werden: Ein Film aus der Ich-Perspektive des mutmaßlichen Täters Stephan E., ausgehend von dessen Geständnis im Juni 2019. Die animierten Bilder des Tatorts in Wolfshagen-Istha, einem Vorort von Kassel, erstellte das hessische Landeskriminalamt. Dafür wurden aufwendige Messungen vorgenommen, auch Drohnenfotos flossen ein. In der Animation ist zunächst Lübckes Villa von der Straße aus zu sehen, dann bewegt sich der Täter langsam durch die Dunkelheit in Richtung der Bäume, über die angrenzende Wiese und später über den Zaun, die Aufnahme wackelt an der Stelle etwas, dann hoch die kleine Mauer und um die Hausecke herum, bis er schließlich vor Lübcke steht, der in jener Nacht Anfang Juni draußen auf seiner Terrasse eine Zigarette raucht, in der Hand ein Tablet, das sein Gesicht beleuchtet.

          Julian Staib

          Politischer Korrespondent für Hessen, Rheinland-Pfalz und das Saarland mit Sitz in Wiesbaden.

          Mit einem Schuss aus nächster Nähe soll der Rechtsextremist Stephan E. Lübcke ermordet haben. Gezeigt werden im Gerichtssaal auch die Blutspuren, die auf Lübckes Stuhl sowie auf der Wand dahinter gefunden wurden. E. verfolgt die Animation im Saal, so wie er meist das Prozessgeschehen verfolgt: regungslos. In sich gekehrt, fast apathisch. Gegenüber sitzt als Nebenkläger auch Lübckes Sohn. Der Stuhl von Lübckes Ehefrau daneben bleibt leer, während die Animation gezeigt wird. Auch der Mitangeklagte Markus H., dem Beihilfe zum Mord vorgeworfen wird, verfolgt die Aufnahme. H. wirkt vor Gericht  aufmerksamer als E. und im regen Austausch mit seinen Verteidigern.

          Seine Rolle bei dem Mord an Lübcke ist weiterhin nicht geklärt. Er soll laut Anklage E. die Tatwaffe vermittelt haben. Ob er auch an der Tat selbst beteiligt war, dazu gibt es widersprüchliche Angaben von E. In der ersten Version seines Geständnisses hielt er Markus H. aus dem Tatgeschehen heraus. Laut seiner zweiten Aussage, die E. im Frühjahr dieses Jahres tätigte, soll H. hingegen am unmittelbaren Tatgeschehen beteiligt und auch in der Tatnacht vor Ort gewesen sein. Daher wird vor Gericht auch eine zweite Variante der Animation der Tatnacht gezeigt. In dieser schleichen sich zwei Personen an die Villa heran. Nun geht H. den größeren Umweg über die Wiese, E. hingegen wartet noch einen Moment im Schutz der Bäume und läuft dann direkt über die Wiese hoch zu Lübcke. Diese Version entspricht den Spuren, die am Tag nach der Tat auf der Wiese gefunden wurden, die an das Grundstück grenzt. Auf den Drohnenaufnahmen sind deutlich zwei davon zu erkennen.

          „Riesige Abneigung gegen jüdische Menschen“

          Zuvor waren am Donnerstag vom Oberlandesgericht zwei Mithäftlinge H.s in der Untersuchungshaft vernommen worden, dabei stand dessen Tatbeteiligung im Fokus. Hassan E. und Youssef E. gaben an, sie hätten wiederholt mit H. über den Mordfall gesprochen, etwa unter der Dusche. H. habe sich ihnen gegenüber ausführlich etwa zur Tatwaffe geäußert, eine direkte Beteiligung an der Tat aber nicht eingestanden. So habe er angegeben, er habe am Tag der Tat einen Motorradausflug unternommen und sei an dem Abend, als der Mord verübt wurde, zurückgekehrt und zuhause eingeschlafen, wofür es aber keine Zeugen gebe.

          Die beiden Mithäftlinge hatten gemeinsam in der Hoffnung auf Strafmilderung Notizen der Gespräche angefertigt, die dem Gericht vorliegen. Darin heißt es, H. habe E. die Tatwaffe verkauft. Bisher waren die Ermittler davon ausgegangen, dass E. die Waffe vermittelt hatte, verkauft haben soll sie ein Dritter. Weiterhin heißt es in den Notizen, H. habe die Sorge geäußert, dass auf dem Beifahrersitz eines Autos seine DNA-Spuren gefunden werden könnten. Um welches Fahrzeug es sich handelte, wurde nicht deutlich. Weiterhin soll H. über seinen Freund E. behauptet haben, dieser habe weitere Straftaten gegen Menschen ausländischer Herkunft begangen, die noch nicht aufgeklärt seien.

          E. ist auch angeklagt wegen eines Messerangriffs auf einen Flüchtling im Jahr 2016. Weitere nicht aufgeklärte Straftaten sind bisher jedoch nicht bekannt. H. verfolgte die Aussagen der beiden Zeugen im Gerichtssaal am Donnerstag aufmerksam, bei ihrem Eintreten nickte er ihnen zu. Der Zeuge Youssef E. sagte über H., dieser sei während der Untersuchungshaft „voller Hass“ gewesen. Er habe angegeben, dass er „Arier“ und „Rechtsextremist“ sei sowie eine „riesige Abneigung gegen jüdische Menschen“ hege.

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