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Lübcke-Prozess : Hat Stephan E. versucht, einen Iraker zu erstechen?

Stephan E. am 29. Oktober im Frankfurt vor Gericht Bild: dpa

Stephan E. wird der Mord an Walter Lübcke zur Last gelegt. Unklar ist, ob er auch versucht hat, einen Iraker zu erstechen. Im Frankfurter Gerichtsprozess schildert Ahmed I., wie ihn die Folgen der Tat belasten.

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          Als eine knappe Stunde der Vernehmung vorüber ist, schreitet die Bundesanwaltschaft ein. Ahmed I. erzählt in diesem Moment von den Folgen des Messerangriffs, den er erlitt, von höchst intimen Dingen, die ihn schwer belasten. Schräg gegenüber von ihm sitzt Markus H. – und grinst, wie er es fast immer tut. Er bitte ihn, sich zu beherrschen, sagt Oberstaatsanwalt Dieter Killmer. Aus „menschlichen“ Gründen. H. ist einer der Angeklagten in diesem Prozess, der bislang vor allem dem Mord an Walter Lübcke galt. Hierzu soll er Beihilfe geleistet haben.

          Marlene Grunert

          Redakteurin in der Politik.

          An diesem Donnerstag widmet sich das Gericht der anderen Tat, die dem Hauptangeklagten Stephan E. neben dem Mord an dem Kasseler Regierungspräsidenten zur Last gelegt wird. Mit verschränkten Armen lehnt H. in seinem Stuhl. Wenn das Opfer einer Gewalttat von deren Folgen spreche, sei es unangebracht, den Mund derartig zu verziehen, fügt der Oberstaatsanwalt hinzu.

          Plötzlich habe er von hinten einen Schlag gespürt

          Etwa 40 Personen hatten sich am Vormittag vor dem Oberlandesgericht Frankfurt versammelt, um ihre Solidarität mit Ahmed I. zu bekunden. Dessen Geschichte sei noch weitgehend unsichtbar geblieben, sagt eine Sprecherin der Kasseler „Initiative 6. April“. Sie will die Menschen an die Terrorserie des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ erinnern, vor allem an den Mord an Halil Yozgat im April 2006. Drinnen hat Ahmed I. auf dem Zeugenstuhl Platz genommen.

          Er trägt ein weißes Hemd und blaues Sakko, dazu eine helle Jeans. Die schwarzen Haare hat der schmale Mann zu einem Undercut frisiert, an der Seite sind sie kurz rasiert. Zu Beginn der Vernehmung nimmt der Vorsitzende Richter Thomas Sagebiel die Personalien auf. 27 Jahre ist der Zeuge alt, 2015 floh er aus dem Irak nach Deutschland. Hier lebte er zunächst in der Lohfeldener Flüchtlingsunterkunft, für die Walter Lübcke sich eingesetzt und erheblichen Widerstand erfahren hatte, insbesondere von Stephan E. und Markus H.

          Am Abend des 6. Januar 2016, so schildert es Ahmed I., sei er zu einer nahe gelegenen Tankstelle gelaufen. Aus dem Augenwinkel habe er hinter sich einen Radfahrer wahrgenommen, sei daraufhin zur Seite gewichen. Plötzlich habe er von hinten einen Schlag gespürt und sei sofort zu Boden gegangen, sagt der Zeuge. Er spricht leise mit seinem Dolmetscher, der für ihn übersetzt. Dass er mit einem Messer niedergestochen wurde, habe er da nicht für möglich gehalten. Mehrfach habe er versucht, sich aufzurichten, sagt Ahmed I. Er habe sich aber nicht auf den Beinen halten können. Dann habe er das Blut bemerkt. Nachdem einige Autos vorbeigefahren seien, habe er sich in die Mitte der Straße gerobbt und hingelegt. „Da dachte ich, ich würde sterben.“ Ein Mann habe schließlich angehalten.

          Das Messer, mit dem Ahmed I. verletzt wurde, drang vier Zentimeter tief in seinen Rücken ein. Drei Wirbel und das Rückenmark wurden verletzt, zwei Nervenstränge durchtrennt. Bis heute ist der Zeuge arbeitsunfähig. Ein Bein sei sehr schwach, auf dem anderen habe er kaum ein Gefühl, sagt er. Die Taubheit ziehe sich bis in den Bauch. Seit dem Angriff nimmt Ahmed I. Schmerzmittel und Antidepressiva. Nach den körperlichen Folgen des Angriffs befragt, sagt er: „Es hat mein Leben zerstört.“ Er frage nun aber erst einmal nach den körperlichen Folgen, antwortet Sagebiel. Er klingt gereizt. Später führt der Zeuge aus, dass er permanent Angst habe. Er sagt: „Ich habe mein Land verlassen, um Schutz zu suchen, aber hier ist mein Leben zerstört worden.“

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