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Lübcke-Prozess : Gekommen, um zu töten?

Stephan E. am Mittwoch im Gericht Bild: EPA

Der Hauptangeklagte im Prozess im Mordfall Walter Lübcke wollte am Mittwoch eigentlich reinen Tisch machen. Dann wurde er am Freitag abermals befragt – prompt sind neue offene Fragen aufgetaucht.

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          Erst am Mittwoch betonte der Angeklagte, endlich reinen Tisch machen zu wollen – um sich dann zwei Tage später abermals in Widersprüche zu verstricken. Am Abend des 1. Juni 2019 sei man sich einig gewesen, Walter Lübcke zu erschießen, falls dieser einem „blöd“ komme, sagt Stephan E. am Freitagvormittag. Etwa eine Stunde später gibt er an: Schon im April hätten er und Markus H. beschlossen, den Kasseler Regierungspräsidenten zu töten. In jedem Fall.

          Marlene Grunert

          Redakteurin in der Politik.

          Stephan E. ist im Prozess zum Mord an Walter Lübcke der Hauptangeklagte, Markus H. soll Beihilfe geleistet haben. Kurz nach seiner Festnahme im vergangenen Sommer gestand E. die Tat, von Markus H. war damals keine Rede. Anfang dieses Jahres widerrief er die Aussage und beschuldigte H., den tödlichen Schuss abgegeben zu haben. Am Mittwoch folgte abermals ein Geständnis. Anders als in seiner ersten Vernehmung gab E. an, mit H. am Tatort gewesen zu sein. Gemeinsam habe man die Tat auch geplant. Auf diese Behauptung konzentrierten sich die Richter des Staatsschutzsenats am Frankfurter Oberlandesgericht schon am Mittwoch. Falls diese von einem gemeinsamen Tatplan der beiden Angeklagten überzeugt sind, kommt H. nicht nur als Gehilfe, sondern als Mittäter in Betracht.

          Am Freitag setzt das Gericht die Befragung des Hauptangeklagten fort. Seinen ehemaligen Kameraden aus der rechtsextremen Szene belastet E. weiterhin schwer. Er weckt aber auch neue Zweifel an der eigenen Glaubwürdigkeit. Abermals schildert er detailliert, was am Tatabend geschah. Noch einmal zeigt er auf Fotos, wie er und Markus H. sich bewegten. Stephan E. steht vor der Richterbank, trägt weißes Hemd und schwarze Anzughose. Zwei, vielleicht drei Meter entfernt sitzt Jan-Hendrik Lübcke, der seinen Vater nachts auf der Terrasse fand. Er sitzt ganz aufrecht, die Hände hat er auf den Lehnen abgelegt. Zwischendurch macht er sich Notizen. Seine Mutter und sein Bruder sitzen neben ihm, auch sie schreiben mit.

          Stephan E. war nicht maskiert

          Thomas Sagebiel, der Vorsitzende Richter, kommt auf eine Unstimmigkeit zu sprechen, die schon in einer früheren Vernehmung Thema gewesen war. E. hat am Vormittag geschildert, welche Vorbereitungen die beiden getroffen hätten – die Handys zu Hause gelassen, die Nummernschilder ausgetauscht, als Zeitpunkt das Wochenende der Weizenkirmes gewählt, da würde es laut sein in Istha. Wieso sie sich nicht maskiert hätten, will Sagebiel wissen. Sie hätten das eben nicht als Risiko begriffen, sagt E. „Man könnte denken“, antwortet der Richter, „das war deshalb kein Risiko, weil Herr Lübcke auf jeden Fall sterben sollte.“ E.s Verteidiger bittet um eine Pause. Sie beraten sich kurz, dann sagt E.: „Es ist so, wie Sie es sagen.“ Bei einem Treffen im April sei alles besprochen worden. „Es ist thematisiert worden, dass wir ihn...“ – weiter redet er nicht.

          Nicht nur an diesem Vormittag, schon am Mittwoch hatte E. geschildert, H. habe ihm aufgetragen: „Bedroh ihn mit der Waffe, wenn er dir blöd kommt, dann schießt du.“ Beide Male benutzte E. die identische Formulierung. Einer der Richter wendet nun ein, dass doch gegolten haben muss: „Schieß in jedem Fall.“ E. stimmt zu – und hinterlässt den Eindruck, dass manche seiner Beschreibungen allzu sorgfältig zurechtgelegt sein könnten.

          Markus H. bestreitet, mit dem Mord etwas zu tun zu haben. Bislang gibt es für dessen Anwesenheit am Tatort keine Beweise. E.s Glaubwürdigkeit ist deshalb von enormer Bedeutung. Doch bei allen Details, die dieser offenbar parat hat, gibt es am Freitag mehrere Momente, die zumindest Fragen aufwerfen.

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