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Lübcke-Prozess : Früherer Verteidiger gerät zunehmend in den Fokus

Der Hauptangeklagte Stephan Ernst (r) unterhält sich im Gerichtssaal mit seinem Verteidiger Mustafa Kaplan. Bild: dpa

Nach einer Zeugenvernehmung scheint es nur noch eine Frage der Zeit zu sein, bis aus Frank Hannig ein Beschuldigter wird. Nach Mustafa Kaplan belastet ihn auch ein anderer ehemaliger Verteidiger von Stephan E. schwer.

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          Bei dem Versuch, die Glaubwürdigkeit des Angeklagten zu durchdringen, gerät im Prozess zum Mord an Walter Lübcke zunehmend ein Anwalt in den Fokus. Nach einer Zeugenvernehmung am Donnerstag wirkt es nur noch wie eine Frage der Zeit, bis die Staatsanwaltschaft Ermittlungen gegen Frank Hannig aufnimmt und aus dem Strafverteidiger ein Beschuldigter wird.

          Marlene Grunert

          Redakteurin in der Politik.

          Schon der Angeklagte Stephan E. hatte seinen ehemaligen Verteidiger schwer belastet, nachdem er den Mord an dem Kasseler Regierungspräsidenten vor dem Oberlandesgericht Frankfurt gestanden hatte. Hannig habe sich die frühere Tatversion ausgedacht, wonach Markus H. den tödlichen Schuss abgegeben habe. 

          Ende Juli verließ Hannig das Verteidigerteam

          Hierbei handelte es sich schon um die zweite Version, die E. in diesem Strafverfahren präsentierte. Kurz nach der Festnahme hatte er die Tat gestanden; Markus H. erwähnte er dabei nur am Rande. Nachdem Hannig das Mandat übernommen hatte, widerrief E. das Geständnis und gab an, Walter Lübcke gemeinsam mit Markus H. aufgesucht zu haben. Dieser habe versehentlich geschossen. Ende Juli verließ Hannig das Verteidigerteam; es folgte die dritte Version: Er selbst habe geschossen, sagte E., sei aber mit H. zusammen am Tatort gewesen.

          Um herauszufinden, was dem Beschuldigten zu glauben ist, kommt es für das Gericht erheblich auf die Aussagen der Anwälte an. Einer nach dem anderen wird deshalb in den Zeugenstand gebeten. Als erster trat am Montag Mustafa Kaplan auf, E.s jetziger Verteidiger; auch er belastete Frank Hannig schwer. Am Donnerstag folgte der Kasseler Strafverteidiger Bernd Pfläging, der E. einige Monate gemeinsam mit Frank Hannig vertrat.

          Vergangenen Herbst habe Hannig ihm einen „Knaller“ angekündigt, sagte Pfläging. Markus H., der bis heute schweigt, habe durch die neue Version zu einer Äußerung provoziert werden sollen. So habe Hannig eine Situation herbeiführen wollen, in der Aussage gegen Aussage stehe und das Gericht beide Angeklagten aufgrund von Zweifeln freisprechen müsse, schildert Pfläging.

          Frank Hannig habe ihm die Idee als „neues Konzept“ präsentiert, „das die Strafverteidigung in Deutschland auf neue Beine stellen wird“, sagte der Anwalt aus Kassel am Donnerstag. Er selbst habe E. von diesem „juristischen Blindflug“ abgeraten.

          Noch kein Anfangsverdacht

          Auf Anfrage der F.A.Z. bat Hannig um Verständnis dafür, dass ihm die anwaltliche Verschwiegenheitspflicht verbiete, Pressefragen derzeit inhaltlich zu beantworten. „Der Umfang einer möglicherweise zu erwartenden Schweigepflichtsentbindung und deren Rechtsfolgen sind mir derzeit noch nicht bekannt. Zu meinem Bedauern kann ich mich auch gegen die im Raum stehenden Vorwürfe aus diesem Grunde nicht öffentlich verteidigen.“ In wenigen Wochen wird er vor dem Staatsschutzsenat als Zeuge auftreten.

          Sollten sich die Vorwürfe gegen den Anwalt bewahrheiten, drohen diesem sowohl berufs- als auch strafrechtliche Konsequenzen. Denn wenn ein Verteidiger einen Mandanten zu einer falschen Verdächtigung anstiftet, macht er sich strafbar. Auf Anfrage der F.A.Z. hieß es von der Staatsanwaltschaft Kassel, noch prüfe man keinen Anfangsverdacht, denn „nähere Kenntnisse“ von der Hauptverhandlung in Frankfurt lägen nicht vor. Die möglichen berufsrechtlichen Konsequenzen reichen von einer Rüge oder Geldbuße bis zu einem Ausschluss aus der Rechtsanwaltschaft.

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