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Lübcke-Prozess : Die Logik des Täters

Der Hauptangeklagte Stephan E. kommt am Mittwoch in den Gerichtssaal. Bild: dpa

Am vierten Verhandlungstag im Lübcke-Prozess am Frankfurter Oberlandesgericht geht es um ein weiteres Video mit Aussagen von Stephan E. Je mehr es um das Vorfeld der Tat geht, desto detaillierter äußert er sich.

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          Irgendwas stimme da nicht, meint der Kriminalbeamte. „Vielleicht haben Sie die Hausseiten verwechselt?“ E., an den sich die Frage richtet, beugt sich noch einmal über die vergrößerte Ansicht des Grundstückes. Sie zeigt das Haus von Walter Lübcke, der in der Nacht auf den 2. Juni 2019 auf seiner Terrasse erschossen wurde. Neben E. sitzt dessen Verteidiger Frank Hannig. „Machen Sie erst mal ein Kreuzchen für den Herrn Lübcke.“ E. macht ein Kreuzchen. „Herrn H. dann vielleicht mit rosa?“, sagt der Vertreter der Bundesanwaltschaft, Dieter Killmer. Auch H.s Aufenthaltsort zeichnet E. ein. Die Ermittler wollen genau nachvollziehen, wer sich in der Tatnacht wo aufgehalten haben soll.

          Marlene Grunert

          Redakteurin in der Politik.

          Es ist der vierte Verhandlungstag am Frankfurter Oberlandesgericht, wieder ist ein Video zu sehen. Es zeigt eine weitere Vernehmung von Stephan E., der angeklagt ist, den Kasseler Regierungspräsidenten ermordet zu haben. Markus H. soll ihm Beihilfe geleistet haben. Die Aufnahme, die am Donnerstag gezeigt wird, ist im Februar entstanden. Das Ende der vorausgegangenen Vernehmung habe seinem Mandanten „psychisch zugesetzt“, sagt E.s Verteidiger zu Beginn. „Man hat das Gefühl, man hätte ihm nicht geglaubt, das belastet ihn sehr.“ E. hatte eine neue Version des Tatgeschehens geschildert. Nicht er habe Walter Lübcke erschossen, wie E. nach seiner Festnahme angegeben hatte, sondern Markus H. Gemeinsam hätten sie ihm eine „Abreibung“ verpassen wollen, dann habe H. versehentlich geschossen. Der Ermittlungsrichter sprach von einem „Fundamentalwiderspruch“ zum ersten Geständnis. Die neue Version nehme er dem Beschuldigten nicht ab.

          Nun ist E. abermals im Vernehmungsraum des Polizeipräsidiums Kassel zu sehen. Er wolle einiges hinzufügen; um das eigentliche Tatgeschehen solle es allerdings nicht gehen, so sein Anwalt. E. hebt noch einmal hervor, dass die Initiative von H. ausgegangen sei. „Markus meinte, dass wir endlich mal hinfahren müssen.“ Dass es eine gute Möglichkeit sei, „auf der Terrasse mal einen Besuch abzustatten“, habe Markus gemeint. Seine Aussagen machen einen authentischeren Eindruck, E. wirkt entspannter als in der Vernehmung zuvor, in der er weite Teile der Äußerungen ablas.

          Je mehr es um das Vorfeld der Tat geht, desto detaillierter äußert er sich. Wie das mit den Schießübungen mit H. gewesen sei, will der Polizeibeamte wissen. Sieben-, achtmal sei man in den Wald gegangen, sagt E. Auf Teller habe man geschossen, „Mit einer Schrotflinte, einem Maschinengewehr, das Markus wieder zum Laufen gebracht hat, einer Pistole und Kleinkalibergewehren.“ Auch zum Tag nach der Tat macht er genaue Angaben. Vormittags sei er mit seinem Sohn zum Bogenschießen gegangen, von 13 bis 18 Uhr habe er alle Waffen, die er zu Hause gehabt habe, weggeräumt. „Die Tatwaffe habe ich gefettet, eingewachst, Munition rausgeholt und in eine Plastiktüte gepackt.“

          Sofern es um die Tat geht, ist er zurückhaltender. Der Polizist will wissen, wie E., der es so angegeben hatte, in der Dunkelheit einen Kopfschuss gesehen habe. „Beantworten Sie diese Frage nicht“, sagt sein Verteidiger. E. ist nicht verpflichtet, Aussagen zu machen. Schweigt ein Beschuldigter, darf das grundsätzlich auch nicht zu seinem Nachteil gewertet werden. Anderes gilt, wenn ein Beschuldigter nur zu manchen Dingen schweigt, über andere aber spricht. An einigen Stellen macht E. in dieser Vernehmung von seinem Schweigerecht Gebrauch, nun erläutert er nach einer Beratungspause, er habe gesehen, wie Walter Lübcke etwas nach vorne und zur Seite gesackt sei. „So“, sagt er und macht es nach. Ob er denn ein Projektil gesehen habe, will der Beamte wissen. „Nein.“

          Der Vertreter der Bundesanwaltschaft, Dieter Killmer, fragt noch einmal, warum E. und H. sich nicht maskiert hätten, wenn es nur um eine „Abreibung“ habe gehen sollen. E. druckst herum, sagt dann, es habe alles schnell gehen sollen. „Warum sollte Herr Lübcke uns da wiedererkennen?“ Killmer bleibt hartnäckig. „Lassen Sie sich darauf mal gar nicht ein“, rät Hannig seinem Mandanten. Der habe ihm genau erklärt, dass er anders ticke, „einerseits konspirativ, andererseits leichtsinnig“. Nach einer weiteren Unterbrechung sagt der Anwalt: „Das liegt an der Perspektive. Sie sehen das nicht aus der Logik eines Straftäters.“ Seine „Logik“ könnte E. bald erläutern; für Ende Juli haben seine Verteidiger eine ausführliche Einlassung angekündigt.

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