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Lübcke-Prozess : Der Mann fehlt, das Leben ist zerstört

Für die Familie ist der Prozess kaum zu ertragen: Irmgard Braun-Lübcke mit den Söhnen Jan-Hendrik und Christoph am 16. November Bild: dpa

Im Lübcke-Prozess richtet die Witwe des Politikers persönliche Worte an den Angeklagten. Sie hat viele Fragen. Und berichtet über das durch den Mord zerstörte Leben der Familie.

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          Fast ein halbes Jahr sitzen sie sich schon gegenüber. Auf der einen Seite des Saals die Angehörigen von Walter Lübcke, seine Witwe in der Mitte ihrer Söhne, auf der anderen der mutmaßliche Mörder. Über ihren Sprecher ließ die Familie wiederholt erklären, wie schwer es ihr falle, den Prozess durchzustehen, wie sehr sie sich aber bemühen wolle, ihren Teil zur Aufklärung beizutragen. Ende Juli ließ sich Jan-Hendrik Lübcke, der seinen erschossenen Vater fand, geduldig vom Gericht vernehmen.

          Marlene Grunert

          Redakteurin in der Politik.

          An diesem Montag tritt seine Mutter in den Zeugenstand. Irmgard Braun-Lübcke ist eine kleine, zierliche Person mit braunen, mittellangen Haaren. Meistens ist sie, wie auch an diesem Vormittag, dunkel gekleidet. Sie legt eine Mappe mit markierten Aufzeichnungen vor sich auf den Tisch, in der Hand hält sie ein Taschentuch.

          Der Vorsitzende des Staatsschutzsenats am Oberlandesgericht Frankfurt, Thomas Sagebiel, bittet sie, den Tatabend zu schildern. Er möchte wissen, wie das mit dem Besuch des Pfarrers war, von dem auch schon der Sohn berichtete hatte. Mit fester Stimme beginnt die Zeugin zu berichten. Es sei ein „wunderschöner Tag“ gewesen. „Wir waren in großer Freude, weil unser Enkel kommen sollte.“ Für einen Moment bricht ihre Stimme, dann fährt sie fort. Für den nächsten Tag hätten sie und ihr Mann einen Ausflug geplant, ans Steinhuder Meer vielleicht, oder in die Rhön.

          Als abends der Pastor da gewesen sei, habe eine „wunderbare Stimmung“ geherrscht, sagt Irmgard Braun-Lübcke. „Die haben viel gelacht und waren fröhlich.“ Kurz habe sie sich zu den beiden auf die Terrasse gesetzt, sich dann aber zum Enkelsohn gelegt. Es sei das erste Mal gewesen, dass er über Nacht bei ihnen blieb. „Dieser Abend sollte gelingen.“

          „Aber doch kein Mord!“

          Dann erzählt die Zeugin, wie sie aufgewacht sei und plötzlich Jan-Hendrik weinend vor ihr stand. Er habe irgendwas vom „Vater“ gesagt. „Da wusste ich, dass etwas passiert ist“, sagt sie und fügt hinzu: „Aber doch kein Mord!“ Im Krankenhaus seien sie in ein kleines Zimmer geführt worden, das habe sie schon von anderen Todesfällen gekannt.

          Zur Aufklärung der Tatnacht kann Walter Lübckes Witwe wenig beitragen, aber sie bekommt an diesem Tag Gehör. An einem Ort, an dem es mehr um Täter als um Opfer geht und an dem üblicherweise Distanz und Nüchternheit herrschen. Er wisse, wie schwer es für sie sei, sagt der Vorsitzende Richter. Er wolle dennoch von ihr wissen, was für ein Mensch ihr Mann gewesen sei und was der Mord für sie bedeute.

          Viele Fragen an die Rolle von Markus H.

          Ein „lebenslustiger Mensch“ sei er gewesen, Angst habe er nie gehabt, sagt die Frau. Wenige Monate nach der Tat wäre der Kasseler Regierungspräsident in den Ruhestand gegangen. Nach der vielen Arbeit hätten sich beide vorgenommen, endlich mehr Zeit miteinander zu verbringen. Fast vierzig Jahre waren die Lübckes verheiratet. Die Tatsache, dass es kein natürlicher Tod gewesen sei, mache alles „ganz unfassbar und schrecklich“. Nicht nur ihr Mann fehle, „auch unser Leben ist zerstört“.

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