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Zum Tod von Lothar Späth : Handlungsreisender für das Ländle

Lothar Späth (1937 - 2016) Bild: Franz Bischof

Lothar Späth wollte kein Landesvater sein. Seine Popularität beruhte auf der Distanz und der stillen Verachtung der Parteienpolitik und ihrer Institutionen. Ein Nachruf.

          5 Min.

          Wenn Lothar Späth vor der Entscheidung stand, eine Auslandsreise nach China zu machen oder an einer Verköstigung von Schwarzwälder Schinken in Enzklösterle teilzunehmen, wählte er die Auslandsreise. Landesvater wollte er nicht sein. Anders als sein Vorgänger Hans Filbinger sah sich Späth, der Schwabe mit der Tellerwäscher-Karriere, als Vorstandsvorsitzender der Baden-Württemberg GmbH. Darunter verstand er ein schwäbisches Kalifornien, ein modernes Bundesland. Mit Respekt und auch mit ironischer Distanz war Späth für die Bürger ihr „Cleverle“. Später, als er sich, getrieben von Heiner Geißler, dann doch nicht traute, auf dem Bremer Parteitag der CDU Helmut Kohl herauszufordern, galt er vielen als „Brutusle“.

          Rüdiger Soldt
          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Späths Popularität beruhte auch auf der Distanz und der stillen Verachtung der Parteienpolitik und ihrer Institutionen. „Die Wirklichkeit ist weiter, als die Politiker glauben“, war ein Satz aus Späths Repertoire, der immer wieder beklatscht worden ist. Er selbst beschrieb seinen erzwungenen Abschied aus der Politik einmal als ein „unglaubliches Freiheitsgefühl“. Seine eigenen Ideen vermarktete der CDU-Politiker, der von 1978 bis 1991 Baden-Württemberg regierte, so geschickt, dass er bei Studenten, einfachen Bürgern und Wirtschaftsführern gleichermaßen beliebt war. Seine große Popularität ließ den Kulturkonflikt zwischen ihm, der protestantisch und liberal dachte, und wichtigen Entscheidungsträgern in der Landespartei, die katholisch waren und ein altbürgerlich-konservatives Weltverständnis hatten, in den Hintergrund treten.

          Späth war schon fasziniert vom technologischen Wandel in einer globalen Wirtschaft, als die Meinungsführer diese Themen noch gar nicht entdeckt hatten. Früher als andere hatte Späth die Absatzmärkte in China und anderen asiatischen Schwellenländern entdeckt. Wenn er wieder in Stuttgart war, dozierte er über die Grundlagen des chinesischen und schwäbischen Arbeiterfleißes. In seinem politischen Leben bewegte Späth vor allem die Frage, wie es gelingen könnte, das baden-württembergische Prosperitätsmodell an veränderte gesellschaftliche und technologische Gegebenheiten anzupassen und aus ihm eine Fortsetzungsgeschichte zu machen.

          Ein in Wolle gefärbter Konservativer war er nie

          Den Zuhörern des Ministerpräsidenten wurde oft schwindlig, wenn dieser einen seiner Lieblingsvorträge über das Thema hielt, wie sich aus Baden-Württemberg ein moderner High-Tech-Standort machen ließe. Davon zeugen auch die Buchtitel, die er während seiner Ministerpräsidentenzeit unter seinem Namen schreiben ließ: von der „Wende in die Zukunft“ und der kommenden Informationsgesellschaft kündete Späth schon zu Beginn der achtziger Jahre.

          Ohne Abitur und ohne akademische Ausbildung war ihm in der baden-württembergischen CDU ein beispiellos schneller Aufstieg gelungen: Der Sohn eines Lagerarbeiters, geboren im hohenzollerischen Sigmaringen, aufgewachsen in den württembergischen Dörfern Ilsfeld und Beilstein, trat 1967 der CDU bei. 1968 nahm er der SPD einen Landtagswahlkreis ab und schon 1972 machte ihn die CDU-Landtagsfraktion zu ihrem Vorsitzenden.

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