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Lothar Bisky : „Ein zuverlässiger Genosse“

  • -Aktualisiert am

Bisky im Zwielicht? Bei der Stasi erhielt er den Decknamen „Bienert” Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

An diesem Dienstag will sich der Vorsitzende der Linkspartei im vierten Anlauf zum Vizepräsidenten des Bundestages wählen lassen. Unter den Abgeordneten hält sich der Widerstand. Bisky wird in Stasi-Akten als ein „zuverlässiger und einsatzbereiter Genosse“ beschrieben.

          Der Hauptverwaltung Aufklärung des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) und ihrem Major Christian Kampfrath galt Lothar Bisky als „ein zuverlässiger Genosse“, der „sich strikt an die gegebenen Anweisungen hält und gegenüber dem MfS stets ehrlich war“.

          Diese Einschätzung des heutigen Linkspartei-Vorsitzenden Bisky findet sich in einem Aktenvermerk, den Lutz-Michael Gottschalk von der Hauptabteilung XX/7 am 11. November 1986 nach einem Telefongespräch mit Kampfrath niederschrieb. Bisky hatte einen Monat zuvor die Funktion des Rektors der Babelsberger Hochschule für Film und Fernsehen (HFF) übernommen und war damit in den Verantwortungsbereich der Hauptabteilung XX/7 geraten, die Radio, Film und Fernsehen der DDR zu überwachen hatte.

          Dienstliche Stasi-Kontakte

          Die Ausbildungsstätte für den Nachwuchs des DDR-Fernsehens war für die Stasi-Kontrolleure ein besonderer „Schwerpunktbereich“, da man schon dort kritische Geister erfassen und unter Kontrolle nehmen wollte. Gottschalk wollte deswegen von Major Kampfrath wissen, ob er Bisky für eine Zusammenarbeit nutzen könne. Das wurde von dem Offizier der Hauptverwaltung Aufklärung (HVA) abgelehnt. Bisky werde aus „weiterbestehenden Interessen“ nicht übergeben.

          Die Interessen der HVA stünden in keinem Zusammenhang mit der jetzigen Funktion Biskys als Rektor der Filmhochschule. Kampfrath gestattete jedoch „der Abt. XX alle notwendigen Kontakte zu B., die sich aus seiner Tätigkeit an der HFF ergeben“. Bisky dürfe auch als Reisekader eingesetzt werden.

          Zweite „aktive Erfassung“

          Die von Bisky für seine Zeit als Hochschulrektor eingestandenen dienstlichen Stasi-Kontakte dürften sich in der Folgezeit auf der Gesprächsebene mit den zuständigen Mitarbeitern der Hauptabteilung XX/7 bewegt haben. Ungeachtet dessen legte der HVA-Mitarbeiter Heinz Weißhuhn am 9. Januar 1987 eine neue Karteikarte zu Lothar Bisky an, in der er nun als Gesellschaftlicher Mitarbeiter (GMS) des MfS unter dem Decknamen „Klaus Heine“ mit Registriernummer XV/437/87 firmierte. Dieser Vorgang schlug sich in der elektronischen Datenbank des MfS mit der Begründung „Aktive Erfassung für operative Diensteinheit“ nieder.

          Das war allerdings die zweite „aktive Erfassung“ Biskys durch die DDR-Geheimpolizei. Die erste erfolgte gut zwanzig Jahre zuvor am 8. September 1966 durch Manfred Leistner, einen Offizier des „Sektors Wissenschaft und Technik“ der HVA. Bisky erhielt damals den Decknamen „Bienert“ und wurde als IMA - Inoffizieller Mitarbeiter für besondere Aufgaben - unter der Registriernummer XV/2276/66 in die heute als „Rosenholz“-Kartei bekannten Vordrucke eingetragen.

          Nicht für das kleinliche Spitzelgeschäft

          Leistner übergab nach vier Jahren den inzwischen aus zwei Aktenbänden bestehenden Vorgang seinem Kollegen Kampfrath zur Archivierung. Der Vorgang „Bienert“ wurde daraufhin im Oktober 1970 im „System zur Informationsrecherche der Hauptverwaltung Aufklärung“ (SIRA) ordnungsgemäß als „passive Erfassung, gesperrte Ablage“ verzeichnet. Dieser Eintrag erklärt, warum die Hauptabteilung XX/7 im Jahr 1986 bei Major Kampfrath anfragte, ob man den als archivierten IM-Vorgang (AIM) registrierten neuen Rektor der Filmhochschule wieder in den inoffiziellen Dienst stellen könne. Gründe für die Ablehnung der Freigabe Biskys durch die HVA sind den erhalten gebliebenen Überlieferungen der MfS-Spionageabteilung nicht zu entnehmen.

          Plausibler wird der Vorgang durch das Archivgut des Zentralkomitees der SED. Es enthält für den betreffenden Zeitraum einen Bericht, den Otto Reinhold als Rektor der Akademie für Gesellschaftswissenschaften beim ZK der SED im Juni 1985 an Erich Honecker sandte. Lothar Bisky gehörte demnach der SED-Delegation an, die vom 13. bis 14. Juni 1985 im Gästehaus „Karl Liebknecht“ am Scharmützelsee mit einer Delegation der SPD-Grundwertekommission zusammentraf, um über den „Streit der Ideologien und die gemeinsame Sicherheit“ zu diskutieren. Für die MfS-Spionage blieb Bisky als Teilnehmer der SED-SPD-Verhandlungen natürlich von perspektivischem Interesse. Einen solchen Mann verschleißt man nicht im kleinlichen Spitzelgeschäft unter Studenten und Professoren.

          Bevor Bisky 1980 in den Ideologieapparat des SED-Zentralkomitees aufstieg, um dort die Verderbtheit des westlichen Medienbetriebes zu erforschen, war die HVA freilich durchaus zu seiner Freigabe bereit. Mit Datum vom 28. Juni 1979 bot der zuständige stellvertretende Abteilungsleiter der HVA Oberst Herbert Sinschek den Kulturkontrolleuren der Leipziger Stasi-Verwaltung eine Übernahme Biskys an, da er „aufgrund seiner Tätigkeit für die Lösung der spezifischen Aufgaben Ihrer Linie nützlich sein könnte“.

          Briefkontakt zu progressiven Personen im Westen

          Als den für weitere Absprachen verantwortlichen Mitarbeiter benannte Sinschek Leutnant Körner. Bisky war zu dieser Zeit am Zentralinstitut für Jugendforschung in Leipzig tätig und erarbeitete für das ZK der SED Studien über den „Einfluß imperialistischer Sender“ auf die DDR-Jugend. Seine Berufung an das ZK-Institut nach Berlin stand jedoch unmittelbar bevor.

          Oberleutnant Körner verfaßte deswegen am 8. August 1980 eine wohlwollende „Einschätzung der Person Dr. Bisky, Lothar“ und meldete nach Berlin: „In der langjährigen erfolgreichen Zusammenarbeit mit dem Gen. B. erwies sich dieser als ein zuverlässiger und einsatzbereiter Genosse. An die Erfüllung ihm übertragener Aufgaben geht er verantwortungsbewußt, parteilich und mit politischer Klarheit heran. Auftretende Fragen und Probleme werden von ihm offen und ehrlich diskutiert.“ Briefkontakt unterhalte Bisky zu progressiven Personen, meist Mitglieder der DKP, in der Bundesrepublik. Es gebe keine Einwände des MfS gegen den vorgesehenen Einsatz Biskys als Dozent an der Akademie für Gesellschaftswissenschaften beim ZK der SED.

          Biskys Zuverlässigkeit im Sinne des MfS

          Was der Oberleutnant mit „der langjährigen erfolgreichen Zusammenarbeit“ gemeint haben mag, bleibt für die siebziger Jahre rätselhaft. Die elektronischen Datenbanken des MfS verzeichnen unter Biskys Decknamen und Registriernummer lediglich mehrere Eingänge allgemein gehaltener Materialien. Es ging dabei um die Internationale Soziologengesellschaft, um die Rolle der Massenmedien „in der entwickelten Gesellschaft“ oder um „Massenkommunikation und die Vereinsamung des Menschen“.

          Eine andere Begebenheit, die auf Biskys Zuverlässigkeit im Sinne des MfS hindeutet, erschließt sich aus den Stasi-Akten Rudolf Bahros. Der Regimekritiker versandte im Sommer 1977 wenige Tage vor seiner Festnahme zahlreiche Fotokopien seines kurz darauf im Westen unter dem Titel „Die Alternative“ veröffentlichten Manuskriptes an einen ausgewählten Personenkreis. Die Adressaten waren Leute, die er von früher kannte oder von engsten Gesinnungsfreunden empfohlen bekam. Innerhalb einer Woche gaben 21 Empfänger Bahros Manuskript bei der Stasi oder den zuständigen SED-Leitungen ab. Auch das an Dr. Lothar Bisky in Leipzig adressierte Päckchen landete samt Packpapier beim MfS.

          Ein Dogmatiker

          Ein guter Onkel, wie es heute manche glauben möchten, war Bisky zu DDR- Zeiten jedenfalls nicht. Seine Handreichungen für die SED-Führung strotzen vor Dogmatismus. Da ging es um den „Kampf gegen Einflüsse bürgerlicher Ideologie und Lebensweise“, um „die ideologische Diversion des Gegners“, um die „Erkenntnis, daß Massenmedien Klassenmedien sind“ sowie die „Funktion der Massenmedien im Rahmen der kommunistischen Erziehung“.

          Biskys medienpolitische Analysen der siebziger und achtziger Jahre weisen sowohl inhaltlich wie auch im sprachlichen Duktus starke Parallelen zu den einschlägigen MfS-Analysen auf. Dies mag darauf zurückzuführen sein, daß solche Analysen dem gleichen ideologischen Verblendungszusammenhang entsprungen sind, es weist aber auch vieles auf gegenseitige Inspiration hin.

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