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Lothar Bisky : „Ein zuverlässiger Genosse“

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Bevor Bisky 1980 in den Ideologieapparat des SED-Zentralkomitees aufstieg, um dort die Verderbtheit des westlichen Medienbetriebes zu erforschen, war die HVA freilich durchaus zu seiner Freigabe bereit. Mit Datum vom 28. Juni 1979 bot der zuständige stellvertretende Abteilungsleiter der HVA Oberst Herbert Sinschek den Kulturkontrolleuren der Leipziger Stasi-Verwaltung eine Übernahme Biskys an, da er „aufgrund seiner Tätigkeit für die Lösung der spezifischen Aufgaben Ihrer Linie nützlich sein könnte“.

Briefkontakt zu progressiven Personen im Westen

Als den für weitere Absprachen verantwortlichen Mitarbeiter benannte Sinschek Leutnant Körner. Bisky war zu dieser Zeit am Zentralinstitut für Jugendforschung in Leipzig tätig und erarbeitete für das ZK der SED Studien über den „Einfluß imperialistischer Sender“ auf die DDR-Jugend. Seine Berufung an das ZK-Institut nach Berlin stand jedoch unmittelbar bevor.

Oberleutnant Körner verfaßte deswegen am 8. August 1980 eine wohlwollende „Einschätzung der Person Dr. Bisky, Lothar“ und meldete nach Berlin: „In der langjährigen erfolgreichen Zusammenarbeit mit dem Gen. B. erwies sich dieser als ein zuverlässiger und einsatzbereiter Genosse. An die Erfüllung ihm übertragener Aufgaben geht er verantwortungsbewußt, parteilich und mit politischer Klarheit heran. Auftretende Fragen und Probleme werden von ihm offen und ehrlich diskutiert.“ Briefkontakt unterhalte Bisky zu progressiven Personen, meist Mitglieder der DKP, in der Bundesrepublik. Es gebe keine Einwände des MfS gegen den vorgesehenen Einsatz Biskys als Dozent an der Akademie für Gesellschaftswissenschaften beim ZK der SED.

Biskys Zuverlässigkeit im Sinne des MfS

Was der Oberleutnant mit „der langjährigen erfolgreichen Zusammenarbeit“ gemeint haben mag, bleibt für die siebziger Jahre rätselhaft. Die elektronischen Datenbanken des MfS verzeichnen unter Biskys Decknamen und Registriernummer lediglich mehrere Eingänge allgemein gehaltener Materialien. Es ging dabei um die Internationale Soziologengesellschaft, um die Rolle der Massenmedien „in der entwickelten Gesellschaft“ oder um „Massenkommunikation und die Vereinsamung des Menschen“.

Eine andere Begebenheit, die auf Biskys Zuverlässigkeit im Sinne des MfS hindeutet, erschließt sich aus den Stasi-Akten Rudolf Bahros. Der Regimekritiker versandte im Sommer 1977 wenige Tage vor seiner Festnahme zahlreiche Fotokopien seines kurz darauf im Westen unter dem Titel „Die Alternative“ veröffentlichten Manuskriptes an einen ausgewählten Personenkreis. Die Adressaten waren Leute, die er von früher kannte oder von engsten Gesinnungsfreunden empfohlen bekam. Innerhalb einer Woche gaben 21 Empfänger Bahros Manuskript bei der Stasi oder den zuständigen SED-Leitungen ab. Auch das an Dr. Lothar Bisky in Leipzig adressierte Päckchen landete samt Packpapier beim MfS.

Ein Dogmatiker

Ein guter Onkel, wie es heute manche glauben möchten, war Bisky zu DDR- Zeiten jedenfalls nicht. Seine Handreichungen für die SED-Führung strotzen vor Dogmatismus. Da ging es um den „Kampf gegen Einflüsse bürgerlicher Ideologie und Lebensweise“, um „die ideologische Diversion des Gegners“, um die „Erkenntnis, daß Massenmedien Klassenmedien sind“ sowie die „Funktion der Massenmedien im Rahmen der kommunistischen Erziehung“.

Biskys medienpolitische Analysen der siebziger und achtziger Jahre weisen sowohl inhaltlich wie auch im sprachlichen Duktus starke Parallelen zu den einschlägigen MfS-Analysen auf. Dies mag darauf zurückzuführen sein, daß solche Analysen dem gleichen ideologischen Verblendungszusammenhang entsprungen sind, es weist aber auch vieles auf gegenseitige Inspiration hin.

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