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Lösung im Salzstreit : Im Land der weißen Berge

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Eine Abraumhalde des Kali- und Salzproduzenten K+S am Ufer der Werra Bild: dpa

Die thüringische Umweltministerin Anja Siegesmund hat nach 100 Tagen im Amt einen ersten Erfolg vorzuweisen: Im Stillen ließ sie einen Plan erarbeiten, der die Salzbelastung von Werra und Weser durch den Kali-Abbau reduzieren soll. Gerechnet hat damit niemand mehr.

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          Thüringens Umweltministerin Anja Siegesmund (Grüne) ist wie alle Kabinettsmitglieder in Erfurt seit 100 Tagen im Amt. Seither hat sie nicht in Talkshows und auf Sportveranstaltungen von sich reden gemacht, sondern im Stillen an einem ersten Erfolg gearbeitet. Unter ihrer Ägide hat die Flussgebietsgemeinschaft Weser, darunter die grünen Umweltminister von Bremen, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Hessen, die Sprache wiedergefunden und einen Plan vorgelegt, die Salzbelastung von Werra und Weser durch den Kaliabbau im hessisch-thüringischen Revier zu senken und die Flüsse perspektivisch einem „guten Zustand“ näher zu bringen, wie ihn die europäische Wasserrahmenrichtlinie verlangt.

          Von 2027 an soll die Weser beim Pegel Boffzen nahe Höxter weniger als 300 Milligramm Chlorid je Liter Flusswasser führen und damit das Gütekriterium erfüllen. Bisher sind es dort 600 Milligramm. Der Kaliindustrie will Siegesmund deshalb „die Daumenschrauben“ anlegen. Vor allem aber hat sie die anderen Minister der eigenen Partei vor einem Gesichtsverlust bewahrt, denn die Länder hatten mit ihren widersprüchlichen Haltungen eine Lösung im Salzstreit blockiert, die Hessen schließlich – von den anderen alleingelassen – mit einem „Vier-Phasen-Plan“ im Alleingang zu erreichen versucht hatte. Der gemeinsam von Hessen und der Industrie verfolgte Plan führte aber erst 2060 zur Einhaltung der nun angestrebten Zielwerte.

          Jahrzehntelang wurde der Wert nicht eingehalten

          Kalisalze sind ein Naturdünger und zur Ernährung einer wachsenden Weltbevölkerung unentbehrlich. Der Abbau des Rohstoffs im Werrarevier innerhalb des Städtedreiecks Bad Hersfeld, Eisenach und Fulda begann 1894. Mit der Kaliförderung fielen jedoch salzhaltige Abwässer an, die vor allem die Verarbeitungsprozesse in der ihrerseits umweltzerstörenden Textilindustrie belasteten. Schon 1912 war das Regierungspräsidium in Kassel mit der Frage befasst, wie die Umweltlasten durch den Kalibergbau zu mindern seien. Damals wurde diskutiert, die Abwässer einzudampfen oder sie durch eine Leitung unmittelbar in die Nordsee abzuleiten. Doch weder das eine noch das andere wurde Wirklichkeit. Schließlich legte die Behörde 1941 den Grenzwert von 2500 Milligramm Chlorid je Liter Flusswasser der Werra im thüringischen Gerstungen fest. Der Grenzwert sollte sicherstellen, dass Bremen unbelastetes Trinkwasser aus der Weser gewinnen konnte.

          Eingehalten wurde der Wert über Jahrzehnte nicht. Die DDR förderte Kali ohne Rücksicht auf Natur und Umwelt. Nachdem die Trinkwasserversorgung im Raum Eisenach in Gefahr geraten war, versenkte die volkseigene Kaliindustrie keine Abwässer mehr im Untergrund, sondern kippte alle Abfälle in den Fluss, der das Salz nach Westen trug. Erst mit der Vereinigung der deutsch-deutschen Kaliindustrie unter dem Dach der K+S AG in Kassel in den neunziger Jahren hielt die Industrie den Grenzwert von 1941 im Werrarevier ein. Ein Teil der Salzrückstände wird zu riesengroßen grau-weißen Bergen aufgehaldet, ein Teil dosiert über die Werra abgeleitet und ein dritter Teil in tiefe Gesteinsschichten versenkt, um ihn dort langfristig zu lagern oder zwischenzuspeichern. In den vergangenen Jahren hat K+S knapp 400 Millionen Euro investiert, um die Salzwassermenge, die in die Werra geleitet wird, von 14 auf sieben Millionen Kubikmeter im Jahr zu halbieren. 1970 flossen noch 41 Millionen Kubikmeter vor allem aus den ostdeutschen Werken an Salzabwasser in die Werra.

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