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Tausende Stellen unbesetzt : Sind Flüchtlinge die Lösung für den Pflegenotstand?

Austausch: Besucher der Messe in Berlin vor dem Gemälde „Der Berliner Kongress von 1878“, bei dem die „orientalische Frage“ verhandelt werden sollte. Bild: Andreas Pein

In deutschen Kliniken und Altenheimen fehlt es an Pflegekräften. Geflüchtete Menschen könnten das Problem lösen – doch wer ist wirklich geeignet und wer nicht?

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          Es gibt Studien, Schätzungen, Prognosen, man kann sie nennen, wie man will, und alle zeigen sie, in unterschiedlichen Schattierungen, dass das Problem nicht eben klein ist. Überall im Land fehlt es an Pflegern, an Krankenpflegern in Kliniken, an Altenpflegern in Heimen und bei ambulanten Hilfsdiensten. Der Fehlbetrag, da sind sich die meisten Forscher einig, wird in den nächsten Jahren zunehmen. Derzeit sind bundesweit etwa 27.000 Stellen in der Pflege nicht besetzt, ein erheblicher Mangel ist das, hinzu kommen weitere 22.000 Vakanzen bei Pflegehelfern. Für das Jahr 2025 wird eine Lücke von 100.000 bis 250.000 Fachkräften erwartet, je nachdem, wie sich der Arbeitsmarkt entwickelt und wie gesund die im Durchschnitt stetig älter werdende Gesellschaft bleibt. Was das benötigte Personal betrifft, so ruhen einige Hoffnungen auf der Gruppe der Geflüchteten, die in den vergangenen Jahren in großer Zahl ins Land gekommen sind – sie könnten doch, so heißt es, wenigstens während der Dauer des Asylverfahrens und gerne auch etwas länger jene Lücke füllen, die so dringend geschlossen gehört. Es heißt, dann hätten beide Seiten etwas davon.

          Kim Björn Becker

          Redakteur in der Politik.

          Das sieht auch Abdul Al-Aziz so. Der 20 Jahre alte Syrer ist vor dem Bürgerkrieg geflohen, der in seiner Heimat herrscht, er kommt aus Damaskus und lebt seit zwei Jahren in Deutschland. Gerade hat er an einer Kunststoffpuppe gelernt, wie eine Herzdruckmassage richtig geht, 30 Mal drücken, zwei Mal beatmen, viel schneller, als man es aus dem Fernsehen kennt. Und das nicht irgendwo, sondern im Großen Saal des Roten Rathauses in Berlin. Dort kommen an einem Januartag fast 1500 Besucher zusammen zu einer Messe, die Geflüchtete und Unternehmen aus der Pflegebranche zusammenbringen soll. Nicht fertig ausgebildete Fachkräfte sind die Zielgruppe der Messe, da hapert es ohnehin oft bei der Anerkennung, sondern junge Flüchtlinge, die offen sind für eine Berufsausbildung. Aziz holt gerade seinen Schulabschluss nach, in Syrien hat er die Schule bis zum Ende besucht, Abiturniveau, wie er sagt, doch seine Zeugnisse sind weg. Im Herbst, wenn er mit der Schule fertig ist, will er eine Ausbildung als Krankenpfleger beginnen, darum ist er an diesem Tag ins Rathaus gekommen und zieht nun, zusammen mit einem Freund, von Stand zu Stand. „Ein Praktikum in der Altenpflege habe ich schon gemacht“, sagt er, sein Deutsch ist passabel. „Aber Krankenpflege ist etwas einfacher.“

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