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Baufällige Schule in Lörrach : Dachziegel, die auf den Schulhof fallen

Bild: dpa

Der Zustand einer Schule in Lörrach ist so schlecht, dass die Rektorin sie eigenmächtig schließt – das Sicherheitsrisiko für die Kinder ist aus ihrer Sicht zu groß. Was kann die Karambolage im Sanierungsstau lösen?

          3 Min.

          Die Fridolinschule im südbadischen Lörrach stand eigentlich schon auf dem Sanierungsplan der Stadt. Etwa zehn Millionen Euro hätten in die Grundschule investiert werden sollen. Doch die Schulleiterin Christine Mörth informierte die Eltern am Mittwoch vergangener Woche, dass die Schule geschlossen sei. Handwerker hatten ihr mitgeteilt, dass vom Hauptgebäude Dachziegel fallen könnten.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Der Lörracher Oberbürgermeister Jörg Lutz (parteilos) zeigte sich über die Eigenmächtigkeit der Schulleiterin „zutiefst befremdet“. Nach dem Schulgesetz muss eine Schulleiterin die Sicherheit der Schüler gewährleisten können und handeln, wenn Gefahr im Verzuge ist. Sie kann also eine Schulschließung anordnen, hätte das aber auch gemeinsam mit der Stadt und dem örtlichen Schulamt tun können. Mörth schrieb den Eltern der 320 Schüler direkt, bevor sie das Schulamt informierte. Das war ungewöhnlich und brachte der 48 Jahre alten Pädagogin mehr Publizität ein, als ihr lieb war. „Leider haben sich meine Kenntnisse in Bezug auf die Sicherheitslage dahingehend erweitert, dass ich mich gezwungen sehe, die Fridolinschule für den Schulbetrieb aus Sicherheitsgründen bis auf Weiteres zu schließen“, schrieb die Rektorin. Die Eltern stehen hinter ihr, der Elternbeirat sammelt schon Unterschriften, um die Stadt zum Handeln zu zwingen.

          Schulamt sieht formale Fehler

          „Man hätte die Kommunikation anders machen können, dienstrechtliche Konsequenzen hat es nicht, die Schulleiterin handelte ja verantwortungsvoll. Aber sie hätte uns vor dem Verschicken des Elternbriefs informieren können“, sagt Hans-Joachim Friedemann, Leiter des Schulamts in Lörrach. Die Stadt ist Trägerin der Grundschule. Normalerweise hätte sich die Schulleiterin an das Schulamt wenden müssen, das dann den Sicherheitsbeauftragten gebeten hätte, die Baumängel zu begutachten. Dann wäre man wahrscheinlich ebenfalls zum Ergebnis gekommen, dass die Schüler sich dort nicht aufhalten sollten.

          Die größte Grundschule der Stadt an der Schweizer Grenze weist an verschiedenen Gebäuden erhebliche bauliche Mängel auf: Die Lehmgewölbedecke der Turnhalle muss schon seit geraumer Zeit mit einem Netz gesichert werden, damit kein Lehm auf die turnenden Kinder herunterfällt. Mängel weisen auch die Beleuchtung und die elektrische Ausstattung der Schule auf: In einigen Räumen gibt es noch alte Leuchtstoffröhren mit einer ebenso altertümlichen Kondensatorzündung: Weil aus den Röhren Gas entweicht, kann es mitunter zu kleinen Verpuffungen kommen. Der gravierendste Mangel besteht im Hauptgebäude: Dort liegen die Dachziegel so unsicher, dass das Herunterfallen einzelner Ziegel nicht auszuschließen ist. „Das Schulhausdach“, sagt Friedemann, „ist das eigentliche Problem. Wahrscheinlich kann der reguläre Schulbetrieb nach den Herbstferien am 7. oder 8. November wiederaufgenommen werden.“ Seit diesem Montag findet der Unterricht in Ersatzgebäuden statt. Am Schuldach fehlen immer noch „Dachfangnetze“, einfach weil sie derzeit nicht lieferbar sind. Es gibt an diesem Gebäude also noch keinen ausreichenden Schutz für die Schüler. Die Mängel an der Elektrik und am Dach der Sporthalle konnten dagegen schnell behoben werden.

          Das Beispiel der Lörracher Grundschule zeigt, wie groß der Sanierungsstau an deutschen Schulen ist. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) schätzt, dass in die Schulen immer noch mehrere Milliarden Euro investiert werden müssten, obwohl auf Bundes-, Landes- und kommunaler Ebene die Investitionen für Schulsanierungen schon aufgestockt wurden. Allein in Baden-Württemberg wurden für etwa 800 Schulbauten Sanierungsgelder in Höhe von zwei Milliarden Euro bewilligt. Im künftigen Doppelhaushalt hat die grün-schwarze Landesregierung noch einmal zusätzlich 200 Millionen Euro für Sanierungen eingeplant.

          Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) schrieb nach dem Bekanntwerden der Baumängel und der Schulschließung an den Lörracher Oberbürgermeister: „Als zuständigen Schulträger bitte ich die Stadt Lörrach darum, dem Sanierungsbedarf im hier einschlägigen Fall so nachzukommen, dass der Unterricht für die Schülerinnen und Schüler ohne Abstriche gewährleistet werden kann.“ Die Stadt Lörrach wird wohl nun den Sanierungsplan für ihre Schulen noch einmal überdenken müssen. Das hat Schulrektorin Christine Mörth erreicht. Eigentlich sollte ein Planungsbüro bis Ende des Jahres ein Sanierungskonzept für die Fridolinschule vorlegen. Danach hätten die Arbeiten frühestens im Jahr 2023 begonnen. So lange konnte man nun nicht warten.

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