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Lockerungen : Ungeduld kann gefährlich sein

Schülerinnen der Holzhausenschule in Frankfurt Bild: Lucas Bäuml

Die Schnauze voll zu haben mag verständlich sein, ebenso der Wunsch nach einem baldigen Ende der Corona-Maßnahmen. Dennoch muss man sich jede Lockerung sehr gut überlegen.

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          Seit einer Woche dürfen Kinder wieder zur Schule. Zumindest die kleineren. Die Grundschulen sind in vielen Bundesländern wieder geöffnet, ebenso die Kitas. Es war eine Entscheidung, um die Ministerpräsidenten und Kanzlerin lange gerungen hatten. Angela Merkel hätte die Schulen lieber noch dicht gelassen, aber die Leute haben nun einmal „die Schnauze voll“ vom Lockdown, wie Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier gerade festgestellt hat. Also Grundschulen auf. Hurra, hurra, die Schule ist wieder da – darin wollen viele nun ein Zeichen sehen, dass bald bestimmt alles wieder ganz normal ist und dass die Welt mit Corona so sein kann, wie die Welt ohne Corona war.

          Noch ist sie das allerdings nicht. Auch nicht in der Grundschule. Es gibt Kinder, die nur an drei Tagen die Woche für wenige Stunden Unterricht haben. Ob das ein „Sieg für die Bildung“ ist, darüber lässt sich streiten. Andere Kinder müssen stundenlang Maske tragen – etwas, das man vor wenigen Monaten übrigens noch als nicht zumutbar betrachtet hatte. Auch das Miteinander ist nicht so unbeschwert möglich, wie es einmal war. Einfach mal in der Pause toben, umherrennen, ohne darauf zu achten, wer wem zu nahe kommt, ist undenkbar. Längst ist die Angst auch in den Kinderköpfen. Abstand halten, selbst bei Schulfreunden: Das ist eine der Folgen dieser Pandemie, die uns noch lange beschäftigen wird.

          Dennoch sind die Schulöffnungen ein Hoffnungsschimmer, immerhin ein kleiner Anfang: lieber ein wenig Unterricht als gar keiner, lieber ein paar Freunde mit Abstand treffen als daheim im Kinderzimmer zu vereinsamen. Die Frage ist nur: Hätte man lieber Merkels Weg gehen und noch einige Zeit warten sollen, bis klar ist, ob eine dritte Welle über uns hereinbricht, und bis klar ist, wie gut und praktikabel Corona-Tests sind? Die Corona-Neuinfektionen steigen vielerorts. Schon jetzt, nach wenigen Tagen, wurden einige Schulen wieder geschlossen. So ist zu befürchten, dass die Öffnung von Grundschulen und Kitas tatsächlich ein gefährliches Experiment gewesen ist – und zwar eines mit schlechtem Ausgang.

          Kompletter Shutdown?

          Wenn man Menschen Hoffnung macht, in diesem Fall Kindern, dass bald alles wieder gut wird, dass jetzt die Schulen öffnen und bald dann bestimmt auch die Sportvereine, ja, dass es doch ganz bestimmt auch klappen kann mit dem großen Kindergeburtstag im Sommer – dann ist nichts Schlimmeres vorstellbar, als diese Hoffnung wenig später wieder zunichtemachen zu müssen. Falls das geschieht, also immer mehr Schulen in den nächsten Tagen und Wochen wieder schließen müssen, dann wäre die Öffnung nichts Gutes gewesen, sondern hätte nur Vertrauen zerstört und Unsicherheit geschaffen. Und warum? Weil man die paar Wochen nicht mehr warten wollte, nachdem man doch eine so lange Zeit überstanden hat?

          Merkel hat diese Woche gesagt, dass man klug und vorsichtig vorgehen müsse. Es gebe die Möglichkeit, über weitere Lockerungen nachzudenken. Aber es gebe auch die Gefahr eines neuen kompletten Shutdowns. Die Schnauze voll zu haben mag verständlich sein, ebenso der Wunsch nach einem baldigen Ende der Maßnahmen. Dennoch muss man sich jede Lockerung sehr gut überlegen, wenn sie am Ende nicht schaden soll – und dann viel Mühe umsonst gewesen ist.

          Philip Eppelsheim

          Redakteur in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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