https://www.faz.net/-gpf-71hg1

Live-Rollenspiel : Anders im Leben

Jenseits der Siegel: Mitglieder des Magiervolkes während einer Hochzeitszeremonie Bild: Hagmann, Roger

Um Mitternacht ist es so weit. In Habanas Wacht kann Vinzent Eppelt endlich das Gleichgewicht der Elemente wieder herstellen. Und auch sein eigenes Gleichgewicht hat er dann gefunden, auf eine Weise, die vielen Mitgliedern der Piratenpartei eigen ist: Sie sind Hacker, Blogger, Nerds - oder eben Larper.

          Es geht schon gegen elf Uhr, als sich in der alten Sattelflickstube der Burg Lohra am Südrand des Harzes ein junger Mann aus dem Bett quält. Es ist Vinzent Eppelt, 24 Jahre, blonder Seitenscheitel, Kinnbart, grüne Augen. Schon beim Aufstehen weiß er, dass ein großer Tag vor ihm liegt. Eine ganze Stadt wird er befrieden, Eindringlinge in die Flucht schlagen, das Gleichgewicht der Elemente wieder herstellen. Denn das Feuer hat Überhand genommen in Habanas Wacht. Und dagegen kann nur er etwas tun. Er, Vinzent Eppelt, Fotograf aus Berlin, mit blauer Farbe im Gesicht: Aqua, der Avatar des Wassers.

          Katharina Wagner

          Redakteurin in der Politik.

          Während er sich ankleidet, kriechen draußen die ersten Trolle und Orks aus ihren Zelten, grün und blau geschminkte Elfen mit Goldstaub im Haar kommen dazu, Huren in bauschigen Kleidern mit tiefen Décolletées, Edelmänner und Ritter, lendenschurztragende Steinzeitkreaturen, Fabelwesen mit Widderkopf und Axt über der Schulter. Bis in die Morgenstunden waren sie unterwegs, in dem Laubwald, der die verwitterte Anlage umgibt, in den Rapsfeldern und fliedergesprenkelten Wiesen, auf der engen Straße, die in Serpentinen den Berg hinauf führt, auf dem löchrigen Schotterweg, der zur Burg führt. Nun versammeln sie sich an den Ständen, an denen man Met und Absinth kaufen kann, Morgensterne aus Gummi und Metallrüstungen für 3000 Euro, und mit ihnen legt sich ein dichter Schleier aus Mittelaltersehnsucht und Spanferkelduft über die Grafenburg aus dem 12. Jahrhundert.

          Auf einem „Con“ lebt man möglichst in „authentischen“ Leinenzelten, moderne Zelte müssen getarnt werden

          Als Vinzent „Aqua“ Eppelt die Sattelflickstube verlässt, ist die Burg längst vergessen. Dann liegt da, wo sie einmal war, die Stadt „Habanas Wacht“. Dann gibt es auch Thüringen nicht mehr, das Eichsfeld, den Harz: für 700 Menschen gibt es jetzt nur noch „Mythodea“. Eine Welt der guten und bösen Elemente, der Könige und Siegel, der Magier und Konvente. Eine Welt, die sich die Veranstalter des „Jenseits der Siegel“, einem der größten Liverollenspiel-Events in Deutschland, für sie ausgedacht haben, damit sie die andere für ein paar Tage vergessen können.

          Am Vormittag kann Eppelt es ruhig angehen lassen. Aqua wird noch nicht gebraucht. Wenn doch, sagen die Spielleiter Bescheid, die mit ihren Headsets umher rennen und den Gang der Handlung kontrollieren. In der Nacht kamen sie gegen Mitternacht, weil er seiner Gefolgschaft im Traum erscheinen sollte. Aqua ist eine der wichtigsten Rollen in Mythodea, über Jahre hat Eppelt sie sich erspielt.

          Im Burghof übt man sich im Bogenschießen

          Wie im Computerspiel hat ein „Larper“ (von Live-Action-Roleplay) einen oder mehrere Charaktere, mit denen er Abenteuer erlebt und Schlachten schlägt. Der Unterschied ist: beim Live-Rollenspiel kann man tatsächlich einen Schatz finden, zum Weltenherrscher werden, Komplotte schmieden, sich prügeln, sterben. In Dänemark wird „Larp“ im Schulunterricht eingesetzt. Auch auf der Burg Lohra sagen viele, dass Rollenspiel gut für Kinder sei, um ihr Sozialverhalten zu verbessern. Bloß sind die, die das sagen, alle jenseits der zwanzig.

          Eppelt spielt, seitdem er 17 ist. Damals fuhr er mit ein paar Freunden zu einem Berliner „Con“, wie die Rollenspieltreffen genannt werden, und spielte einen „Streuner“. Mit 19 hatte er seine erste größere Rolle. Er wurde zum Anführer des Feuerlagers bestimmt, weil jemand ausfiel. 700 Leute hatte er zu organisieren. Er ist heute noch stolz darauf, wie gut das ging.

          Weitere Themen

          Islamisten sollen verantwortlich sein Video-Seite öffnen

          Anschläge in Sri Lanka : Islamisten sollen verantwortlich sein

          Die Regierung von Sri Lanka hat eine einheimische Islamistengruppe für die verheerenden Anschläge auf Kirchen und Hotels verantwortlich gemacht. Regierungssprecher Rajitha Senaratne sagte, hinter den Anschlägen mit fast 300 Toten stehe die Gruppe National Thowheeth Jama'ath (NTJ).

          Selenskyj spricht über politische Ziele Video-Seite öffnen

          Ukrainischer Präsident : Selenskyj spricht über politische Ziele

          Wahlsieger Selenskyj dankte Unterstützern, Eltern und seiner Frau und kam dann auf seine politischen Ziele zu sprechen. Noch-Präsident Poroschenko kündigte zwar seinen Rückzug vom Amt an, von der politischen Bühne wolle er aber nicht verschwinden.

          Topmeldungen

          Anschläge in Sri Lanka : Massenmord an Ostersonntag

          Die Anschläge von Sri Lanka fügen sich ein in das Bild einer neuen terroristischen Internationale, die ihre Taten „ankündigt“. Das müssen die Sicherheitsbehörden ernst nehmen, um der schieren Mordlust zu begegnen.

          Glückwünsche an die Ukraine : Die Präsidentenwahl ist ein positives Signal

          Der künftige Präsident Wolodymyr Selenskyj hat keine politische Erfahrung und wird kaum alles besser machen. Und doch ist die Art und Weise, wie der Machtwechsel stattfindet, eine seltene Errungenschaft im postsowjetischen Raum. Ein Kommentar.

          Witze über Schwangere : Der Gag des Fleischlichen

          Darf man über wachsende Bäuche Witze machen? Die schwangeren Comedians Amy Schumer und Ali Wong tun es auf der Bühne. Es geht natürlich um mehr.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.