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Linkspartei : Showdown in Göttingen

Maximalistin: Sahra Wagenknecht Bild: dpa

Den Poker um den Parteivorsitz hat Lafontaine verloren. Der Reformer Bartsch und die Maximalistin Wagenknecht spielen weiter. Die Spaltung der Linken steht im Raum.

          5 Min.

          Gregor Gysi war nicht im Bilde. Als Oskar Lafontaine am Dienstagnachmittag um 17 Uhr seinen Entschluss bekanntgab, dass er sein „Angebot, wieder bundespolitische Aufgaben zu übernehmen“, zurückziehe, hatte er den Fraktionschef im Bundestag zuvor nicht darüber informiert. Während Lafontaine-Vertraute wie Noch-Parteichef Klaus Ernst und Fraktionsgeschäftsführer Ulrich Maurer längst Bescheid wussten, hatte Gysi keine Ahnung. Er reagierte eine gute Stunde später mit der Erklärung: „Für die Entscheidung Lafontaines habe ich persönlich Verständnis.“ Er lobte Lafontaine pflichtgemäß als herausragende Politikerpersönlichkeit. Doch das konnte nicht darüber hinwegtäuschen: Das Tischtuch zwischen Gysi und Lafontaine, den Gründern und vermeintlichen Garanten des Erfolgs der Linkspartei, ist zerschnitten.

          Markus Wehner

          Politischer Korrespondent in Berlin.

          In der Linkspartei ist also nichts mehr, wie es war. Oder besser: Die Krise hat ihren Höhepunkt erreicht, zwischen Neuanfang und Spaltung scheint alles möglich. Der Streit zwischen den Strömungen tobt heftig wie nie zuvor: die pragmatischen Reformer mit den Bastionen im Osten auf der einen Seite, die sozialistischen Maximalisten mit den Hochburgen im Westen auf der anderen. West-Oskar und Ost-Gregor hatten gemeinsam lange verdeckt, dass es zwischen diesen Säulen der Partei keine Brücke gibt. Jetzt ist die Lage klarer denn je, auch personell: Für die Reformer steht Dietmar Bartsch, der ehemalige Bundesgeschäftsführer, der schon Ende vergangenen Jahres seine Kandidatur für den Parteivorsitz angekündigt hatte. Auf dem Göttinger Parteitag am kommenden Wochenende wird gewählt. Für die Maximalisten steht Sahra Wagenknecht, die Lebensgefährtin Lafontaines. Sie hat eine Bewerbung für den Parteivorsitz immer ausgeschlossen. Dennoch wird damit gerechnet, dass sie in Göttingen antritt.

          Gysi verhindert Wagenknecht

          Eigentlich will Sahra Wagenknecht Fraktionsvorsitzende werden. Das hat Gysi bisher verhindert, sehr zum Missfallen ihrer Anhänger, insbesondere Lafontaines. Zu seinen Forderungen für die Übernahme bundespolitischer Aufgaben, die Lafontaine im persönlichen Gespräch mit Gysi während des Wahlkampfs in Nordrhein-Westfalen mitgeteilt haben soll, gehörte, dass seine Lebensgefährtin möglichst schnell ihren Wunschposten erhält. Derzeit haben die Abgeordneten aus dem Westen, in der Regel Wagenknecht-Anhänger, eine klare Mehrheit in der Bundestagsfraktion. Nach der Wahl im nächsten Jahr könnte sich das Blatt zugunsten des Ostens wenden.

          Gysi fühlte sich durch Lafontaine instrumentalisiert, wähnte seine eigene Stellung bedroht und sah die Gefahr, dass die Volkspartei im Osten mit dem Diktat Lafontaines unter die Räder kommt. Auf seine Forderung, Bartsch müsse Teil einer Lösung sein, ging Lafontaine nicht ein. Vor einer Woche forderte Gysi den Saarländer dann öffentlich auf, Bartsch als Bundesgeschäftsführer zu akzeptieren - wohlwissend, dass es dazu nicht mehr kommen würde. Einen Tag vor Lafontaines Rückzieher stellte er sich dann auf die Seite von Bartsch. „Da Oskar Lafontaine Dietmar Bartsch als Bundesgeschäftsführer nicht akzeptiert, entfiel für Dietmar Bartsch die Überlegung, seine Kandidatur als Parteivorsitzender zurückzuziehen. Niemand kann jetzt Dietmar Bartsch verübeln, seine Kandidatur aufrechtzuerhalten.“ Er hätte auch sagen können: Lafontaine ist der Spalter und Erpresser.

          Die Zeit des Messias ist vorbei

          Lafontaine musste erkennen, dass er als Messias nicht mehr akzeptiert wird. Dass er eine Kampfkandidatur ausschloss, weil sie „nicht unbedingt der krönende Abschluss meiner Karriere“ sei, hinterließ gerade bei den Mitgliedern im Osten den Eindruck, es gehe ihm nur um sich selbst. Sein Rückzug war eine herbe Niederlage für ihn, aber zugleich auch, wie er selbst im Fernsehen sagte, eine Erleichterung. Lafontaine war bereit, noch einmal zu führen - aber nur unter eigenen Bedingungen.

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