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Linkspartei : Die Kunst des Verrats

Ende einer Freundschaft: Bartsch vor Gysi-Plakat im August 2009 Bild: dpa

Ausgerechnet Gregor Gysi: Mit dem Dolchstoß gegen Dietmar Bartsch hat er seinen Nimbus als Schutzpatron des Ostens zerstört. Im Hintergrund wirkt mächtig der gekränkte Kranke von der Saar.

          5 Min.

          Dietmar Bartsch steht kurz vor der Heiligsprechung. „Menschliche Größe“ wird ihm attestiert, „große Hochachtung“ zeigen die Genossen, und „höchsten Respekt“. Den bescheinigt Gregor Gysi dem Bundesgeschäftsführer der Linkspartei für dessen Entscheidung, beim nächsten Parteitag nicht mehr für sein Amt zu kandidieren. Er wünsche sich, „dass er mein Stellvertreter wird“, sagt Gysi, Fraktionschef im Bundestag. Heute wird der begnadete Vielquatscher bei seiner monatlich stattfindenden Sonntagsmatinee im Deutschen Theater mit Bischöfin Margot Käßmann über Gott und die Welt reden. Bartsch hat sein Kommen angekündigt. Alles wieder gut? „Dietmar Bartsch war, ist und bleibt mein Freund“, hat Gysi am Freitag gesagt.

          Markus Wehner

          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Manchmal, finden viele in der Linkspartei, könnte Genosse Gregor mal die Klappe halten. Denn am Montag hatte Gysi seinem Freund und Wunsch-Stellvertreter vor der gesamten deutschen Öffentlichkeit das Messer in den Rücken gerammt. Eine Viertelstunde redet da Gysi schon auf dem Politischen Jahresauftakt der Linken, einer Art verspätetes Dreikönigstreffen, bei dem die Partei eigentlich die Wiederkehr des erkrankten Vorsitzenden Oskar Lafontaine zelebrieren wollte. Der ist noch nicht so weit.

          Die Schlammschlacht ist in vollem Gange

          Dafür ist die Schlammschlacht in der Partei, ausgelöst durch einen Konflikt zwischen Lafontaine und Bartsch, in vollem Gang. Ein „Klima der Denunziation“ herrsche, wettert Gysi, das sei unerträglich, und er, Gysi, werde sich daran nie beteiligen. Gefühlte Sekundenbruchteile danach sticht er zu, aus der Hüfte. Der Bundesgeschäftsführer sei „gegenüber einem Vorsitzenden nicht loyal“ gewesen. Damit sei das Vertrauensverhältnis in der engeren Führung beschädigt. Die Meucheltat ist geschehen.

          Seit' an Seit': Bartsch und Lafontaine im Juni 2009 in Berlin

          Ausgerechnet Gysi. Wenn Bartsch loyal zu jemandem war, dann zu ihm. Als es Anfang der neunziger Jahre um das Parteivermögen der SED geht, hilft Bartsch, damals frisch gewählter Bundesschatzmeister, seinem Chef Gysi, die Leichen aus dem Keller des Karl-Liebknecht-Hauses zu entsorgen. Bartschs Vorgänger als Schatzmeister sitzt damals, wie Gysi selbst bemerkt, in Untersuchungshaft. Im Laufe der Zeit werden sie Freunde. Gysi spricht auf Bartschs 50. Geburtstag vor knapp zwei Jahren, Bartsch als einziger Politiker auf Gysis sechzigstem kurz zuvor. Noch am Sonntagabend fahren beide gemeinsam im Auto von der Gedächtnis-Demo für Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg nach Hause. Bartsch ist am Montag zutiefst getroffen. Er will alles hinschmeißen. Echte Freunde raten ihm dazu.

          Schockiert sind die ostdeutschen Parteipolitiker, viele sind mit Bartsch befreundet. Zum ersten Mal hat Gysi sich gegen ihren Übervater, den noch amtierenden Co-Parteivorsitzenden Lothar Bisky, gestellt. Der hatte sich für Bartschs Verbleib im Amt starkgemacht. Bisky ist stinksauer, will mit Gysi nicht reden. Aufgebracht sind die ostdeutschen Landesvorsitzenden. Mit ihnen kommt Gysi am Montagabend zusammen. Das Treffen ist lange vereinbart, man wollte über die schwierige Lage beraten. Doch Gysi hat die Landesfürsten schon am Mittag vor vollendete Tatsachen gestellt. Gysi will die Aufregung am Montagabend nicht verstehen. Er habe sich doch sehr solidarisch mit Bartsch gezeigt, seine Arbeit gelobt. „Da fehlen mir die Worte“, sagt einer, der dabei war. Nie hätten sie gedacht, dass Gysi da „mitmacht“, dass er die Befehle vom Oberlimberg, Lafontaines Wohnort in Saarbrücken, so kalt exekutiert, sagen andere. Gysi hat seinen Nimbus als Schutzpatron des Ostens zerstört. Doch er weiß, was er tut. Schon am Montagabend spricht er davon, er wolle Bartsch zu seinem Stellvertreter in der Fraktion machen.

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