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Linksextremismus : Der Polizist und sein Mörder

Terrorist Werner Sauber Bild: Ulrike Edschmid

Ein junger Mann wollte Künstler werden. Dann wurde er Terrorist. Kurz vor seinem eigenen Tod erschoss er einen jungen Polizisten in Köln. Jahre später beginnt die Aufarbeitung.

          7 Min.

          Diese Begegnung war tödlich. Der Terrorist und der Polizist kannten sich nicht. Für einen Augenblick nur kreuzten sich ihre Wege. Keiner von beiden überlebte.

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Am 9. Mai 1975 meldete sich eine Frau aus Köln-Gremberg bei der Polizei. Es war mitten in der Nacht, kurz nach eins. Vor dem Supermarkt gegenüber seien Autodiebe unterwegs. Die Polizei schickte mehrere Streifenwagen. Auf dem Parkplatz vor dem Supermarkt trafen sie auf drei junge Männer in einem dunkelgrünen Auto. Ein Polizist ließ über Funk die Personalien prüfen. Ein anderer inspizierte die Werkzeugtasche im Kofferraum. Reine Routine. Alles im Griff. Aber als die Männer durchsucht werden sollten, reagierten sie nicht. Nach der zweiten, dritten Aufforderung, auszusteigen, riss der Beifahrer die Wagentür auf. Er wollte flüchten.

          Der Streifenpolizist Paul Eck dachte: Ist das ein schlechter Film? Warum schmeißt da jetzt einer Knallfrösche? Es war Mündungsfeuer. Einen Wimpernschlag später sah Eck zwei Polizisten im Staub liegen. Der eine hatte einen Bauchschuss, er schrie vor Schmerzen. Der andere war Ecks Streifenkollege Walter Pauli, 22 Jahre alt. Eck sah einen roten Fleck auf Paulis Uniform. Exakt in Herzhöhe. Er brachte den Kollegen in stabile Seitenlage. Auch auf Paulis Rücken ein Blutfleck. Pauli war tot.

          Ein paar Meter weiter war der Flüchtende in einem Blumenbeet zusammengebrochen. Mehrere Polizeikugeln hatten ihn getroffen. Der Mann starb auf dem Weg ins Krankenhaus. Seine Papiere waren gefälscht. Die Ermittler brauchten eine Weile, ihn als untergetauchten Terroristen zu identifizieren. „Werner Sauber. Schweizer Staatsbürger“, stand unter seinem Bild auf den Fahndungsplakaten, die überall aushingen. Der 28 Jahre alte Sauber gehörte zur linksextremen „Bewegung 2. Juni“. Sie hatte sich nach dem Tod von Benno Ohnesorg gegründet. Der war am 2. Juni 1967 auf einer Demonstration gegen den Schah-Besuch in Berlin erschossen worden – von einem Polizisten. Mit dem Datum im Namen stellten die Linksextremisten ihre Aktionen und Anschläge unter das Motto: Der Staat hat zuerst geschossen.

          Keine Aufarbeitung und keine Hilfe für die Betroffenen

          Vierzig Jahre sind vergangen, seit der Polizist und der Terrorist in Köln starben. Gerade erst hat die Aufarbeitung begonnen.

          Im Frühjahr 2013 wurde der Chef des Leitungsstabes der Kölner Polizei, Udo Behrendes, auf ein Buch aufmerksam. Es war der Roman einer Frau, die mit Werner Sauber zusammengelebt hatte und über ihn schrieb. „Das Verschwinden des Philipp S.“ hieß das Buch; Sauber hatte sich, als er nach Berlin gekommen war, einen neuen Vornamen gegeben. Der Polizist kaufte das Buch und verschlang es. Das Buch erschien ihm als ein Zeichen. Mitte der siebziger Jahre hatte seine Laufbahn in der Wache in Köln-Kalk begonnen, wo auch der Polizist Pauli Dienst getan hatte. Lange schon wollte sich Behrendes dessen Fall vornehmen. Nun war die Zeit gekommen. Er begann, mit Kollegen zu sprechen, die damals auf dem Parkplatz dabei gewesen waren.

          Der Tod des Streifenpolizisten Pauli hat die Kölner Polizei erschüttert wie kein anderes Ereignis in jenen Jahren. Eine systematische Aufarbeitung gab es nie, auch keine Hilfe für die Betroffenen. Ausgerechnet einer der Polizisten des Parkplatz-Einsatzes erhielt am folgenden Tag einen heiklen Auftrag: Er sollte einen der zwei jungen Männer, die mit Sauber im Wagen gesessen hatten, im Krankenhaus bewachen; der Mann war durch einen Querschläger aus der Waffe seines Kumpanen schwer verletzt worden. Der Polizist ertrug es nicht, er meldete sich dienstunfähig.

          Ein anderer erinnert sich, wie er sich bei Paulis Beerdigung in eine Ecke stellte und heulte. „Das durfte man ja nicht zeigen, denn Polizisten hatten stark zu sein.“ Als demütigend empfanden die Polizisten das Strafverfahren gegen die beiden Sauber-Begleiter, das 1977 kurz vor dem „deutschen Herbst“ stattfand. Die Beamten hatten das Gefühl, sie sollten als die eigentlichen Täter hingestellt werden. In Paulis Wache in Köln-Kalk bewahrten ihm die Kollegen ein ehrendes Gedenken. Hinter dem Tresen in der Wache hängten sie ein Foto des Polizisten auf. Als in Kalk das neue Polizeipräsidium gebaut wurde, setzen Paulis Kollegen durch, dass die Straße rund um den weitläufigen Komplex den Namen „Walter-Pauli-Ring“ bekam. Das war vor vierzehn Jahren. Pauli steht seither in Köln stellvertretend für alle anderen im Dienst getöteten Polizisten.

          Sauber schwankte lange zwischen Ästhetik und Extremismus

          Auch die Familie des Terroristen hadert bis heute mit dem Fall. Sie hat sich nie öffentlich über Werner Sauber geäußert. In manchen Medien hieß es, die Familie schweige ihren Angehörigen tot. Es war unfair. Denn die Familie zählt selbst zu den Opfern.

          Werner Sauber stammte aus einer wohlhabenden Züricher Familie. Sein Vater hatte ein Unternehmen für Lichtsignalanlagen. Gern hätte es der Vater gesehen, wenn einer seiner drei Söhne in die Firma gekommen wäre. Aber er zwang sie zu nichts. Jürg, der Jüngste, produziert heute Industrie- und Ausbildungsfilme in Zürich. Der Älteste, Peter, wurde Rennfahrer und international erfolgreicher Formel-1-Rennstallbesitzer. Der Mittlere, Werner, wollte zur Filmhochschule. Seine Eltern unterstützten ihn. Die Mutter hatte nur einen Wunsch: Der Sohn sollte nicht im politisch aufgewühlten Berlin studieren. Sie sah das Unheil kommen. Heute erinnert sich der Bruder Jürg: „Werner ließ sich schon in Zürich leicht beeinflussen. Vor allem, wenn es um soziale Ungerechtigkeiten ging.“ Wie sollte das erst in Berlin werden? „Mutter wollte, dass Werner in München studiert.“

          Werner Sauber ging nach Berlin. An der Berliner Akademie drehte er 1968 den Kurzfilm „Der einsame Wanderer“, filmische Chiffren über den Tod. Zeitgenossen schmähten es zwar als zu unpolitisch, heute aber wird es von Cineasten hoch gelobt. Der Film seines Kommilitonen Holger Meins hieß „Die Herstellung eines Molotow-Cocktails“. Sauber schwankte lange zwischen diesen beiden Polen, zwischen Ästhetik und Extremismus. 1971 aber, er war jetzt 23 Jahre, glaubte er, sich entscheiden müssen. Er tauchte ab. Weil er überzeugt war, seine Ideale nur im „bewaffneten Kampf“ bewahren zu können. Eine große Tat schwebte ihm vor.

          Ein Mann entschließt sich, ein anderer zu werden

          Sauber ging ohne Not in den Untergrund. Nach ihm wurde nicht gefahndet. Seine Lebensgefährtin Ulrike Edschmid ließ er zurück, ebenso wie ihren Sohn aus einer früheren Beziehung, für den er ein fürsorglicher Ersatzvater gewesen war. Edschmid schreibt in ihrem Buch, es sei ein Schlüsselerlebnis für Sauber gewesen, dass er 1970 für vier Monate unschuldig in Haft saß. Nie mehr wieder werde er ins Gefängnis gehen, schwor sich Sauber.

          Edschmid kam der Abschied „wie die Planung für einen Film vor, in dem sich ein Mann entschließt, ein anderer zu werden“. Wie einen Szenenwechsel habe Sauber eine Vorstellung von seiner zukünftigen Existenz als Mensch im Untergrund entworfen – ebenso wie er früher einmal seine Existenz als Künstler entworfen habe. Den einstigen künstlerischen Anspruch an sich selbst habe er durch einen heroischen Auftrag ersetzt, der sich wie eine Wand zwischen ihm und ihr aufrichtete. Er sei wohl im Leben nicht recht verwurzelt gewesen, sagt Edschmid. „Ich hatte ein Kind. Das hat mich geschützt.“

          Polizist Walter Pauli
          Polizist Walter Pauli : Bild: Picture-Alliance

          Für Saubers Eltern war es ein schwerer Schock, dass der Sohn untertauchte. Verzweifelt versuchte seine Mutter über kirchliche Kreise, mit ihm in Kontakt zu kommen. Die Berichte in den Zeitungen über Anschläge und Banküberfälle, an denen Werner beteiligt sein sollte, waren der Horror für die Eltern. Mehrfach bat die Polizei sie, ihren Sohn auf Überwachungsbildern von Banküberfällen zu identifizieren. Der Bruder Jürg erinnert sich: „Wir ahnten, irgendwann knallt es. „Es war ein Tod auf Raten, denn Werner hatte ja immer gesagt, dass er nicht noch einmal ins Gefängnis gehen wollte.“

          Die Sicherheitsbehörden vermuteten, dass Werner Sauber Ende Februar 1975 auch an der spektakulärsten Aktion des „2. Juni“ beteiligt war. Drei Tage vor der Wahl des Berliner Abgeordnetenhauses entführten Mitglieder der „Bewegung“ den Spitzenkandidaten der Union, Peter Lorenz. Aber nach Saubers Tod ließ sich der Verdacht, dass er beteiligt war, nicht erhärten. Sauber arbeitete zur Tatzeit unter falschem Namen beim Motorenhersteller Klöckner-Humboldt-Deutz in Köln.

          Sauber: „Endstufe kapitalistischer Herrschaft“

          Die Stimmung war aufgeheizt in jener Zeit. Im November 1974 starb Saubers Kommilitone Holger Meins an den Folgen eines Hungerstreiks im Gefängnis. Sauber muss das schockiert haben. Er hatte in Berlin eine Zeitlang in einer Kommune mit Meins zusammengelebt. Einen Tag nach dessen Tod erschossen Terroristen der „Bewegung 2.Juni“ den Präsidenten des Berliner Kammergerichts bei einem missglückten Entführungsversuch. Im April 1975 besetzte ein „Kommando Holger Meins“ der Roten Armee Fraktion die deutsche Botschaft in Stockholm. Zwei Geiseln und zwei RAF-Leute wurden getötet.

          Derweil stand Sauber im Deutz-Werk an der Stanze und versuchte, die proletarischen Massen zu agitieren. Im Januar 1975 schrieb er eine Analyse „zur Lage in den Betrieben und in den Ballungsräumen“. Er war überzeugt, dass „eine gegenwärtige Endstufe kapitalistischer Herrschaft erreicht ist“.

          Nach Saubers Tod würdigte ihn die „Bewegung 2. Juni“ in einer Erklärung als „internationalistischen und antifaschistischen Kämpfer“. Genosse Sauber habe in jahrelanger legaler und illegaler Arbeit unermüdlich den bewaffneten Kampf mitorganisiert. „Wir und die ganze revolutionäre Bewegung in Europa haben einen starken Kämpfer verloren.“ Als die RAF im März 1998 mit einem langen Schreiben ihre Auflösung bekanntgab, fand sich unter den 26 Männern und Frauen, deren die Terrorgruppe abschließend gedachte, weil sie sich „dafür entschieden, im bewaffneten Kampf alles zu geben und in ihm gestorben sind“, auch der Name Werner Sauber.

          Die revolutionären Taten des „starken Kämpfers“ liegen allerdings weitgehend im Nebel. Bekannt ist, dass er Waffen schmuggelte, Waffen deponierte, dass er an mehreren Banküberfällen beteiligt war, um Geld für die „Bewegung“ zu beschaffen. Aber was Sauber mit den zwei anderen jungen Männern auf dem Parkplatz in Köln trieb, ist bis heute nicht geklärt.

          Ewige linke Gewissheit: Die Polizei hat zuerst geschossen

          Angeblich sollte einer der Begleiter Saubers, der Arzt Karl Heinz Roth, einen „Illegalen“ medizinisch untersuchen und behandeln. Aber warum brauchten die drei Männer dafür ihre griffbereiten Pistolen im Hosenbund? Ging es vielleicht doch um Größeres, Revolutionäreres? Roth könnte vielleicht Antworten auf Fragen wie diese geben. Der Mediziner ist später noch Historiker geworden. Er ist heute bei der Stiftung für Sozialgeschichte des 20. Jahrhunderts in Bremen tätig. Ihr Motto lautet: „Die Kenntnis der Vergangenheit ist unverzichtbar für die Analyse der Gegenwart.“

          Zum Fall Sauber will sich Roth von der F.A.S. jedoch nicht befragen lassen. Er habe sich 1977, während des Strafprozesses gegen ihn, und in den folgenden Jahren mehrfach öffentlich über Sauber geäußert, teilt Roth schriftlich mit. „Dem habe ich auch heute nichts hinzuzufügen.“ Roth widersprach stets der Darstellung der Polizei, dass Sauber das Feuer eröffnete. Es ist die ewige linke Gewissheit: Die Polizei hat zuerst geschossen.

          Zum 40. Jahrestag des Schusswechsels auf dem Kölner Parkplatz wagte der Polizist Udo Behrendes nun ein Experiment. Er organisierte eine Doppellesung aus dem Buch über den Terroristen und seinen Interviews mit Polizisten, die auf dem Parkplatz dabei waren. Fotos beider Toten hingen hinter dem Podium. Der Große Saal der Kölner Fachhochschule für öffentliche Verwaltung war gut gefüllt. Vor allem Polizisten saßen da. Sie waren nachdenklich.

          Manche sprachen darüber, dass es auf beiden Seiten Feindbilder gegeben habe. Auch die Polizei habe Fehler gemacht. Es klangt versöhnlich. Für jene aber, die Pauli kannten, bleibt der Fall auch nach vierzig Jahren eine Zumutung. Behrendes las aus den Zeitzeugengesprächen vor. Der Polizist, der in jener Nacht direkt neben Karl Heinz Roth auf der Fahrerseite des Wagens stand, würde ihn gerne etwas fragen. Die Waffe, die Roth bei sich trug, hatte eine Ladehemmung. Der Polizist möchte wissen, ob Roth auf ihn geschossen hätte, wenn seine Pistole funktioniert hätte. Aber Roth war nicht da, keine Antwort von ihm.

          Der Polizist, den der Terrorist Sauber mit einem Bauchschuss schwer verletzt hatte, ließ sich ins Sauerland versetzen. Er hoffte, dort das Geschehen zu verdrängen, nicht mehr darüber nachdenken und sprechen zu müssen. „Ich habe sozusagen den Deckel draufgemacht. Erst 25 Jahre später, als ich an Depressionen litt, musste dieser Deckel wieder aufgemacht werden.“ Mit professioneller Hilfe verarbeitete der Polizist das Geschehen, das sich ihm eingebrannt hat wie ein absurder Film. Es sei schon komisch, was einem in extremen Situationen durch den Kopf gehe. „Als ich den Bauchschuss bekam und zusammensackte, dachte ich: In den Western reiten die jetzt noch ’ne halbe Stunde weiter.“

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