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Linksextremismus : „Nazi-Outing“

Bild: Robert Bochennek

Es ist der Volkssport linksextremistischer Gruppen: Mitglieder der rechten Szene bloßzustellen und sie im Internet zu öffentlichen Personen zu machen. Persönlichkeitsrechte sprechen sie ihren „Outing-Opfern“ ab. Die Devise lautet: „den Nazis das Leben zur Hölle machen“.

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          Als die Gruppe am Abend im hessischen Biblis eintrifft, sind die Straßen mit Schnee bedeckt. Der Wind ist eisig, es herrschen minus vier Grad. Es ist die Nacht zum 24. Dezember 2010. Die Nacht zu Heiligabend. Es sind drei Personen, die in der Dunkelheit durch den Ort laufen. Vom Bahnhof aus spazieren sie durch das Wohngebiet. Vorbei an Einfamilienhäusern mit Vorgarten. Wen sie auf der Straße treffen, dem drücken sie einen Zettel in die Hand. Hunderte haben sie dabei. Genug für die ganze Nachbarschaft.

          Katharina Iskandar
          Verantwortliche Redakteurin für das Ressort „Rhein-Main“ der Sonntagszeitung.

          „Wir tolerieren keine Nazis! Weder hier, noch anderswo“, steht auf den Zetteln. Daneben das Flaggen-Symbol der „Antifa Biblis“, die bis dahin völlig unbekannt war. Auf dem Flugblatt ist ein junger Mann zu sehen. Florian W. Zwanzig Jahre alt. Wohnhaft in Biblis. Er soll der führende Kopf der „Nationalen Sozialisten Ried“ sein. „Ein Nazi“, so steht es auf dem Flyer.

          Noch in derselben Nacht wird die Nachricht ins Internet gestellt: „Florian W. geoutet“, steht auf der Internetseite „Indymedia.org“. Dort wird spekuliert, auf welchen Demonstrationen Florian W. sonst noch gesehen worden ist. Es werden weitere Bilder ins Netz gestellt; auch solche, von denen selbst der Einsteller nicht sicher ist, ob es sich überhaupt um Florian W. handelt. Am nächsten Morgen klingelt bei Florian W. das Telefon. Im Internet heißt es wenig später dazu, man habe soeben einen „Testanruf“ gemacht – und herausgefunden, dass Florian W. noch bei seinen Eltern wohnt.

          An die Telefonnummer ist der Anrufer über das Flugblatt gelangt. Denn sowohl die Festnetz- als auch Handynummer sind in dem Steckbrief veröffentlicht. Ebenso wie Geburtsdatum, ICQ-Nummer, SchülerVZ-Account und sein Name bei „Wer kennt wen“. Es ist kurz nach zwei Uhr morgens in der Nacht zu Heiligabend, als Florian W. zu einer öffentlichen Person wird.

          „Nazi-Outings“ sind zum Volkssport in der linksextremistischen Szene geworden

          Die Aktion im hessischen Biblis ist nicht die einzige dieser Art. Bundesweit versuchen linksextremistische Gruppen, tatsächliche oder auch vermeintliche Personen aus der rechten Szene bloßzustellen, indem sie ihre mutmaßliche politische Gesinnung, aber auch intime Daten per Flugblätter in der Nachbarschaft und im beruflichen Umfeld verbreiten – und im Internet. Das Bundesamt für Verfassungsschutz beobachtet derartige Aktionen schon seit mehreren Jahren.

          „Nazi-Outings“ sind zum Volkssport in der linksextremistischen Szene geworden. Persönlichkeitsrechte sprechen sie ihren „Outing-Opfern“ ab. Personen aus dem rechten Milieu hätten kein Recht auf Menschenwürde und Rechtsstaatlichkeit, lautet das Argument. Das gilt auch für Personen, die nur mutmaßlich der rechten Szene angehören. Straftaten, die aufgrund von Outings stattfinden, werden toleriert. Wenn nicht gar durch die Veröffentlichung von Wohnort, Autokennzeichen oder Arbeitsplatz forciert und in gewisser Weise auch gefordert.

          Die Outing-Aktionen haben System. In Hamburg gab es 2009 die „Operation Ragnarök“. Innerhalb von acht Wochen wurden sechs Personen „geoutet“, die zur rechtsradikalen Szene zählten. Ragnarök ist ein Begriff aus der altgermanischen Mythologie – und steht für den Weltuntergang. Wieder wurde über das Internet kommuniziert. Die Devise lautete, „den Nazis das Leben zur Hölle machen“.

          Der Pranger im Netz bleibt bestehen

          Am Morgen des 29. August suchten Mitglieder der Hamburger Antifa-Szene die Wohnhäuser zweier NPD-Anhänger auf und informierten mit Megafonen, Transparenten und Flugblättern die Nachbarschaft. Solche „Home Visits“ sind immer noch üblich. Jedoch verlagern sich die Outings immer stärker ins Internet und entwickeln dort wie im Fall Florian W. eine Eigendynamik. Während der „Hausbesuch“ oft eine einmalige Aktion ist, bleibt der Pranger im Netz bestehen. Zudem wurden die Methoden, solche Outings vorzubereiten, gerade in jüngster Zeit nahezu perfektioniert.

          Es werden Dossiers angelegt über Anhänger rechtsradikaler Gruppen. Das gilt inzwischen auch für Personen, die mit ihnen verwandt oder bekannt sind oder von denen man bloß annimmt, dass sie dieser Szene angehören. In den oft virtuell geführten Akten befinden sich Bilder. Einige Zielpersonen werden Monate, andere Jahre lang observiert. Sie werden heimlich bei Demonstrationen fotografiert oder aber im sozialen Umfeld.

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