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Linksextremismus : Die immer recht haben

Auch unter Aktivisten wird die Sinnlosigkeit mancher Aktionen kritisiert. „Geschäfte des Einzelhandels zu bewerfen ist zum Beispiel Quatsch“, sagt Hannah. Und Tom sagt: „Wenn ein Schwarzer Block in einer kleinen Stadt mit 30 000 Einwohnern martialisch aufmarschiert, kann ich Leute verstehen, die sagen: Was wollen die?“ Das sei dann „total kontraproduktiv“. Die Heidelberger stören sich an Demonstrationen, die nur aus reiner Lust am Krawallmachen stattfinden. „Die Straßenschlachten mit der Polizei auf dem Hamburger Schanzenfest jedes Jahr haben zum Beispiel nichts mit Politik zu tun. Das sind Menschen, die sich über ihren Alkoholpegel definieren“, sagt einer der Heidelberger Aktivisten.
Hannah und Tom verweisen auf ihr übriges, friedliches Engagement, das durchaus ehrenwert scheint. „Autonome sind oft große Idealisten mit einem moralischen Verantwortungsgefühl, das viel positives Potential hat“, sagt der Bewegungsforscher Berger. „Es gibt eine große Bereitschaft zum Engagement, allerdings gibt es auch viel Frustration, wenn sie bei diesem Engagement auf Widerstände stoßen.“ Die Heidelberger Aktivisten benutzen ein anderes Wort: Dickköpfigkeit. „Wir sind sehr dickköpfig, wenn es uns ums Prinzip geht“, sagen sie.

Wie Schwarze Blöcke entstehen, ist bisweilen ein Mysterium. Nur selten stünden auf Flugblättern eindeutige Sätze wie „Kommt vermummt und bewaffnet!“, sagen die Heidelberger Aktivisten. Sie bestreiten, dass es Hierarchien und Anführer gibt. „Schwarze Blöcke sind Eruptionen organisierter Gegengewalt, die sich aus der Situation heraus ergeben.“ Kommissar Stoewhase widerspricht. „Dass es keine Anführer gibt, ist gelogen.“ Es gebe Gruppen mit klarer Führungsstruktur. Während der Demonstration würden diese von Anführern mit Handzeichen oder farbigen Fähnchen dirigiert. Einsatzleiter Dopichay hat gesehen, dass die Teilnehmer von Schwarzen Blöcken mit großer Disziplin auf Flaggensignale einzelner Anführer reagierten. „Eine Farbe hieß: Vorwärts. Die andere: Zurück.“ In einem Internetvideo ist zu sehen, wie ein Schwarzvermummter drei Finger in die Luft hielt und ihm Dutzende Aktivisten folgten. Bekannt sind solche Aktionen bei der Polizei auch als Fünf-Finger-Taktik. Dabei spaltet sich der Schwarze Block in fünf Teile und versucht die Polizeikette an verschiedenen Punkten zu durchbrechen.

Über die Jahre hat Kommissar Dopichay ein Gefühl entwickelt, eine gewisse Wetterfühligkeit sozusagen, wann der Moment gekommen ist, seinen Helm aufzusetzen, weil Steine vom Himmel fallen werden. „Die Spannung baut sich meistens nach dem Ende der Demonstration auf. Dann bleibt ein harter Kern zurück und wird immer unruhiger und pöbelt in Richtung der Polizei. Wenn dann jemand den ersten Stein wirft, wirkt das enthemmend auf die anderen. Und dann geht es los“, sagt Dopichay. Er kennt das Gefühl, einen Pflasterstein auf den Kopf zu kriegen. So unzerstörbar, wie die „Robocops“ in ihrer Ausrüstung wirken, sind sie nicht. „Wenn der Stein den Helm an einer günstigen Stelle trifft, haben Sie nur eine Prellung in der Halsmuskulatur, weil der Einschlag so heftig ist“, sagt Dopichay. Was geschieht, wenn der Stein den Helm an einer ungünstigen Stelle trifft, erlebte eine Berliner Polizistin am 1. Mai. Sie brach nach einem Steinwurf auf ihren Kopf bewusstlos zusammen – trotz Helm. Erst im Rettungswagen kam sie wieder zu Bewusstsein.

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