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Linksextremismus : Die immer recht haben

„Polizisten haben kein Problem damit, uns ordentlich auf die Fresse zu hauen. Ich bin in meinem Leben schon so oft demütigend behandelt worden von Polizisten. Wenn ein Polizist einen Stein abbekommt, ist das sicher doof für ihn, aber in dem Moment sehe ich ihn in der Funktion, die er hat, und das ist die Durchsetzung des staatlichen Gewaltmonopols mit allen Mitteln“, sagt Hannah. Es ist ein kühler Gedanke, einen Menschen auf seine Funktion zu reduzieren und seine Verletzung mitleidlos in Kauf zu nehmen. Der Frankfurter Sozialpsychologe Rolf van Dick findet solche Argumente gefährlich, weil sie einer „Deindividuation“ Vorschub leisten, einer Entmenschlichung. „Man betrachtet die andere Gruppe nur noch als Gruppe. Und die ist der Feind. Es gibt keine Wahrnehmung des Individuums mehr und kein Gefühl von Mitleid“, sagt van Dick. Um diesen Effekt zu vermeiden, setzen Polizisten nach Auskunft von Kommissar Stoewhase ihre Schutzhelme erst auf, wenn Steine fliegen, um so lange wie möglich hinter der Panzerung ein menschliches Gesicht zu zeigen.

Den Vorwurf, sie seien nichts anderes als dumpfbackige Steinewerfer, empfinden Aktivisten des Schwarzen Blocks natürlich als Beleidigung. Was sie für Polizisten und Bürger nicht gelten lassen, ein menschliches Gesicht, nehmen sie für sich umso mehr in Anspruch. Wenn die Gesellschaft den vermummt und uniformiert auftretenden Schwarzen Block nicht haarscharf nach Individuen unterscheidet, können sie sich mächtig aufregen. Wenn Hannah und Tom an einer Demonstration teilnehmen, auf der es zu Ausschreitungen kommt, empören sie sich, wenn das Pfefferspray der Polizei in ihre Richtung weht oder sie im Gewühl der Schwarzgekleideten fälschlicherweise in Gewahrsam genommen werden – was wiederum als Beleg für die Repressionen der Staatsmacht ausgelegt wird. Dass ein Demonstrant in Deutschland, der sich nicht dem Schwarzen Block anschließt und den Anweisungen der Polizei Folge leistet, niemals mit der Staatsmacht in Berührung käme, lassen die Aktivisten nicht als Argument gelten. „Ich bin nicht bereit, jedem Befehl eines Polizisten zu folgen“, sagt einer der Heidelberger Aktivisten.

Stattdessen verstoßen die Aktivisten gegen das Vermummungsverbot und mokieren sich über „aggressive“ Polizisten, die Demonstranten wegen solcher „Lappalien“ verhaften – was wiederum als „Eskalationspolitik“ verstanden wird und Bestätigung der eigenen Unschuld. Im Bild eines Autonomen ist die Welt ein sehr ungerechter Ort.
Die Zerstrittenheit innerhalb der linken Szene ist groß. „Wenn sie mit drei Leuten aus der autonomen Szene sprechen, bekommen sie immer drei verschiedene Antworten“, sagt Bewegungsforscher Berger. Entsprechend wenig fühlen sich Aktivisten für die Taten ihrer Kameraden verantwortlich, obschon sie mit ihnen einen gemeinsamen Block bilden.

Hört man, wie sie ihre Aktionen begründen, wird der autonome Block zur autonomen Naivität. Als Reaktion auf die Finanzkrise, die groß ist, systemisch und, wie man hört, etwas mit Bankgeschäften zu tun hat, haben Aktivisten in Hamburg eine Sparkassenfiliale mit Steinen beworfen. Weil dort auch Bankgeschäfte getätigt werden. Weil in Afghanistan Krieg herrscht, den manche Linksradikale ablehnen, haben Aktivisten die Reifen von Autos der Abteilung „Technischer Service“ der Post AG in Potsdam zerstochen. Warum? Weil der Tochterkonzern der Post, die DHL, unter Millionen Kunden auch die Bundeswehr beliefert, die in Afghanistan im Einsatz ist. Dafür übersetzten die Aktivisten das Unternehmenskürzel mit „Deutsche Heeres Logistik“.

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