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Linksextremismus : Die immer recht haben

Um das Café Gegendruck zu finden, einen Treffpunkt der autonomen Szene, muss man in der Heidelberger Altstadt in eine Seitengasse laufen und an einem Wohnhaus klingeln. In einem Raum im Erdgeschoss, in dem alte Sofas und Tische stehen, finden Benefizpartys für angeklagte Aktivisten statt, Spieleabende von Antifa-Mitgliedern und kleine Kinovorführungen. Um einen Holztisch herum sitzen vier Veteranen des Schwarzen Blocks an einem Holztisch. In der Mitte ein langhaariger Mann in schwarzem T-Shirt, der laut einer Polizeiakte, die er ironisch zitiert, eine „Führungsperson der antifaschistischen Szene des Rhein-Neckar-Kreises“ und in der Roten Hilfe engagiert ist, einer Organisation, die Linksradikale in Strafverfahren unterstützt. Neben ihm sitzt ein kräftiger Mann mit Tätowierungen, der als Lehrer arbeitet und einen schlafenden Säugling auf dem Arm trägt. Schließlich noch ein sportlicher Mann, der sagt, er sei Journalist und eine schlanke Frau, die Germanistik in Heidelberg studiert hat. Ihre Namen wollen die vier Aktivisten nicht nennen, weil sie auch über Straftaten sprechen.

Die Wände ihres Cafés sind mit Flugblättern beklebt, darunter auch Fotos von „Simon Brenner“, einem verdeckten Ermittler des baden-württembergischen Landeskriminalamtes, der sich unter falschem Namen in die linksradikale Szene eingeschlichen hatte und enttarnt wurde. Es herrscht ein Untergrundgefühl bei den Heidelberger Aktivisten, sie fühlen sich von der Staatsmacht beobachtet, verfolgt – und leiten daraus ihre Berechtigung zum Widerstand ab.

In mehreren Jahrzehnten haben die Heidelberger Aktivisten schon viele „Aktionen“, wie sie sagen, durchgeführt. Einen Reisebus von Neonazis mit besonders übelriechender Buttersäure unbenutzbar gemacht. Ein Geschäft der unter Rechtsextremen beliebten Modemarke Thor Steinar mit Farbbeuteln beworfen. Und Skinheads, die ein Punkkonzert stürmen wollten, in ihren Heimatdörfern mit Stuhlbeinen verprügelt. Ihre Definition eines Schwarzen Blocks als Demonstrationstaktik ist das „entschlossene, kämpferische Auftreten“ im Gegensatz zu einem „Sonntagsspaziergang am AKW“. Einer sagt: „Leserbriefe schreiben ist nicht meine Art von Politik.“ Dass die Öffentlichkeit empört ist, wenn nach einer Demonstration etwa die Glasfassade eines Bankhauses in Scherben liegt, kontern die Heidelberger Aktivisten mit einer Parole, die bisweilen auch auf Demonstrationen zu hören ist: „Menschen sterben und ihr schweigt, Scheiben klirren und ihr schreit.“ Mit den gestorbenen Menschen sind dabei die Opfer von Rassismus und Krieg gemeint. Ein anderer sagt: „Zu sagen, dass Gewalt völlig tabu ist, finde ich dumm.“
Hannah und Tom versuchen, die Gefährlichkeit der Steinwürfe zu relativieren. „Die Panzerungen der Polizisten sind doch unzerstörbar, ich kann mir nicht vorstellen, dass das weh tut“, sagt Tom.

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