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Linken-Chefin Hennig-Wellsow : Wo sind wir noch, Martin?

  • -Aktualisiert am

Neue Linken-Kovorsitzende Hennig-Wellsow am 27. Februar auf dem Linken-Parteitag in Berlin Bild: EPA

Ahnungslos in Somalia: Die neue Linken-Vorsitzende Susanne Hennig-Wellsow lehnt Auslandseinsätze der Bundeswehr ab. Schade nur, dass sie nicht weiß, welche das eigentlich genau sind.

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          Die Linkspartei bezieht viel Selbstverständnis aus ihrer traditionellen Ablehnung deutscher Auslandseinsätze – dass die Bundeswehr sich nicht an Einsätzen beteiligen und am liebsten gleich ganz aus der Nato aussteigen soll, ist ein zentraler Grundpfeiler linker Selbstvergewisserung. Mehr noch: Prominente Linkenpolitiker und -Vorsitzende, von Oskar Lafontaine über Sahra Wagenknecht bis zum jüngst abgelösten Spitzenduo Katja Kipping und Bernd Riexinger, haben die Einsatzfrage stets zur conditio sine qua non für eine mögliche rot-rot-grüne Zusammenarbeit auf Bundesebene gemacht.

          Die Frage, ob und wie deutsche Soldaten im Ausland an (Kampf-)Einsätzen beteiligt sind, ist also nicht nur wichtig, sie ist elementar für linke Spitzenpolitiker. Sollte man meinen. Bis man das verheerende Interview der neuen Partei-Kovorsitzenden Susanne Hennig-Wellsow mit dem Journalisten Tilo Jung am Donnerstag gesehen hat. Auch sie sei gegen Kampfeinsätze der Bundeswehr, erklärt Hennig-Wellsow in dem Interview – auf Jungs Nachfrage, welche Einsätze sie denn konkret beenden wolle, muss sie aber passen: „Da muss ich ehrlicherweise sagen, die habe ich nicht alle einzeln im Blick.“

          Muss man vielleicht auch nicht. Aber auch die Frage, welche Bundeswehreinsätze derzeit laufen, kann die neue Linken-Vorsitzende nicht beantworten – und macht es danach nur noch schlimmer. Somalia fällt ihr ein, als Jung fragt, ob ihr nicht wenigstens ein einziger Einsatz in den Sinn komme – nur dass die „Operation Atalanta“ am Horn von Afrika kein „Kampfeinsatz“ ist, wie Hennig-Wellsow kurz darauf selber zugeben muss. „Somalia, Afghanistan, wo sind wir noch, Martin?“ fragt Hennig-Wellsow dann ihren Mitarbeiter, ihren „Spickzettel“, wie sie sagt. Doch Martin kann ihr auch nicht helfen, also stochert sie weiter tastend im Nebel herum, um schließlich zur Conclusio zu kommen: Es gebe „todsicher“ mehr solcher Einsätze, die man jetzt „im Einzelfall“ prüfen müsse. Und: „Dass Bundeswehrsoldaten nicht ins Ausland gehören, bleibt Standard.“

          Standard bleibt aber auch, dass man als Politiker zumindest eine vage Ahnung davon haben sollte, wozu man sich längst eine Meinung gebildet hat. Und womöglich fragt sich in der Linkspartei schon jetzt mancher, ob eine Vorsitzende, die derart ahnungslose Interviews gibt, wirklich eine gute Wahl war.

          Hauptsache dagegen: Um bei der eigenen Klientel das vage Gefühl zu bedienen, auf der „richtigen“ Seite zu stehen, mag das vielleicht noch ausreichen. Um ein ernsthafter politischer Akteur zu sein oder gar im Bund zu regieren, wie Hennig-Wellsows Vorgängerin Katja Kipping es ihrer Partei auf dem Parteitag noch zugerufen hat, wäre ein wenig mehr Kenntnis aber auch nicht schlecht.

          Oliver Georgi
          Redakteur in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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