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Linke : Die ehemalige Volkspartei

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Bei der PDS trug jede Takt- oder Gedankenlosigkeit eines westdeutschen Politikers Früchte. Ob „Rote Socken“-Kampagne der CDU oder Schönbohms These von der „Proletarisierung“ der ostdeutschen Gesellschaft: Es fühlten sich mehr Leute gekränkt, als die PDS Mitglieder oder Wähler hatte. Wer Anfang der neunziger Jahre erlebte, wie verächtlich Passanten in einem Potsdamer Neubauviertel Wahlkämpfer der CDU anzischten, kennt die Kehrseite der sympathischen Außenseiterrolle, die die PDS so gut auszufüllen verstand. Wo sie sich in der Mehrheit fühlten, konnten die vermeintlichen „Bürger zweiter Klasse“ unangenehm werden.

„Es ist nicht alles schlecht gewesen“

2006 erhaschte der CDU-Wahlkämpfer Pflüger noch einen Hauch davon: Beim Publikum im Haus des ehemaligen SED-Bezirksblatts „Berliner Zeitung“ hatte er einen ganz schlechten Stand. Im selben Saal konnte 1996 der milde Bisky dagegen sicher sein, dass die kühle Behandlung, die er als Repräsentant der PDS dem Sozialdemokraten Thierse im Gespräch über die Zwangsvereinigung von SPD und KPD angedeihen ließ, vom Publikum als zeitgemäße Version der SED-Politik gegenüber dem „Sozialdemokratismus“ verstanden und gebilligt werden würde.

Wer aber heute die Linkspartei kritisieren oder verdammen will, findet im Programm, in Reden und im Auftreten ihrer Funktionäre dafür kaum noch Stoff genug. Auch sind die Zeiten vorbei, in denen nur auf Verharmlosungsfloskeln zu Mauerbau, Dissidentenverfolgung und Ausspionierung durch das Ministerium für Staatssicherheit hingewiesen werden musste, um jede Äußerung der Protestpartei zu diskreditieren. Als „Quatsch“ beurteilt der Wahlkampfleiter Bodo Ramelow inzwischen das Verfahren, Vorschläge seiner Partei mit dem Hinweis auf ihre SED-Vergangenheit in Misskredit zu bringen. Bei Bedarf spielen PDS-Politiker auch ironisch mit dem Wort „Es ist nicht alles schlecht gewesen“. Der Berliner Senator Wolf, der Sympathien mit Margot Honecker unverdächtig, machte sich im Wahlkampf 2006 den Spaß, für die Einheitsschule mit dem Hinweis zu werben, es sei nicht die Schulform, die man der DDR vorwerfen müsse.

Grade Scheitel und helle Schuhsohlen

Seit den Stimmverlusten 2006 in Berlin wird häufiger mit dem alten SED-Milieu geflirtet. Der Fusionsparteitag beispielsweise sah in einem Film, wie aktiv die eigenen Leute am G-8-Protest in Rostock teilgenommen hatten. Als rüstiger Antifaschist kam ausgerechnet „IM Heiner“, Heinrich Fink, zu Wort, dessen spät bekanntgewordene Spitzelberichte noch im Nachhinein den Anspruch desavouieren, als erster frei gewählter Rektor der Humboldt-Universität den Neuanfang aus eigener Kraft zu verkörpern.

Wer das Aroma des PDS-Milieus noch einmal atmen möchte, besucht am besten eine der Veranstaltungen der Rosa-Luxemburg-Stiftung. Dort, am Franz-Mehring-Platz nahe dem Berliner Ostbahnhof, sieht man die Herrschaften mit den graden Scheiteln und den hellen Schuhsohlen, die in den neunziger Jahren brav den Strafverfahren zur DDR-Regierungskriminalität folgten und für Buchvorstellungen oder Debatten bereitwillig Eintritt zahlen. Wer pünktlich kommt und still ist, dem wird die Lektüre der „Jungen Welt“ empfohlen, weil die Zeitung „Neues Deutschland“ schon zu grün sei.

„Uneingestandener Sozialdemokratismus“

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